23 Jahre/FH Potsdam/Interfacedesign
Das Komma wurde im dritten Jahrhundert vor Christus von Aristophanes von Byzanz erfunden. Unzufrieden damit, beim Vorlesen immer an den falschen Stellen Luft zu holen, kam er auf die Idee, Textteile durch Punkte zu trennen. Kurze Passagen – so genannte Kommas – trennte er durch einen Mittelpunkt. Im Laufe der Jahrhunderte geriet diese Praxis – wie fast alles, was irgendwie mit Kultur zu tun hatte – jedoch wieder in Vergessenheit, bis im späten Mittelalter und der Renaissance zuerst das Schreiben und schließlich auch die Satzzeichen wiederentdeckt wurden. Es wurde allerdings einiges durcheinander gebracht, so dass das Wort Komma nicht mehr die kurze Textpassage, sondern das Satzzeichen bezeichnete.
Mit der Verbreitung des Buchdruckes schaffte das Komma dann seinen endgültigen Durchbruch – zuerst in Form eines Schrägstrichs, schließlich als der kleine Kringel, der bis heute benutzt wird. Und nicht nur die Form des Kommas, sondern auch seine Verwendung wurde reglementiert: es sollte nicht mehr frei nach Laune und Tagesform, sondern nach strengen Regeln zur Strukturierung der Sätze verwendet werden.
Ein paar hundert Jahre lang funktionierte das alles prima; mittlerweile scheint sich jedoch der ursprüngliche Verwendungszweck als Indikator zum Luftholen wieder durchzusetzen. Weil der heutige Durchschnittsbürger durch zunehmende Bürotätigkeit bedingt jedoch wesentlich kurzatmiger ist als der gemeine Grieche vor 2000 Jahren, nimmt die Anzahl der verwendeten Kommas jedoch stark zu, so dass es zu einem Konflikt mit seiner Funktion zur Strukturierung von Sätzen kommt. Viele Texte gleichen hierdurch Krisengebieten, die Kommas Landminen. Als Beispiel ein anonymer Hilfesuchender aus dem Internet:
Während meines Praktikums, konnte ich mir einen guten Überblick über die Tätigkeiten, im Tagesablauf eines Verkäufers, verschaffen.
Dieser Text wird durch diese Verwendung von Kommas nicht logisch strukturiert, sondern brutal auseinander gerissen. Der Leser fängt an zu lesen, nimmt ein wenig Fahrt auf und – wumms, stößt auf das erste achtlose Komma; es fetzt ein halbes Satzglied durch die Gegend. Kaum wieder aufgerappelt, kommt schon das nächste – wumms, der Überblick geht in die Luft. Und gerade, wenn der Leser meint, er hätte es durch dieses Minenfeld geschafft, fliegt ihm zusammen mit dem abschließenden Komma auch noch das letzte bisschen Kohärenz um die Ohren.
Aber nicht jedes falsch gesetzte Komma wird aus Unwissen falsch gesetzt; einige Leute nutzen Kommas auf unterschiedlichste Art und Weise, um ihren persönlichen Stil zu prägen. So gibt es einen Waliser namens Jonty, der Kommas anstelle von Textauszeichnungen wie kursiv oder fett verwendet. Möchte er ein Wort betonen, so setzt er einfach ein Komma dahinter – im folgenden Beispiel liegt die Betonung auf dem Wort das:
Das, ist ganz toll.
Das Komma ist damit völlig überfordert. Der Leser auch.
Besonders, wenn ich solche Fotos von London sehe. In Fotos 12 sieht man sogar das Büro, in dem ich gearbeitet habe. Ganz vorne in der Mitte, 260 Pixel von unten.
Ich kann nicht alles auf Deutsch und auf Englisch schreiben. Alle Deutschen, die ich so kenne, sprechen Englisch. Keiner der Engländer, die ich kenne, spricht Deutsch1. Also geht’s auf Englisch weiter, und zwar auf julianstahnke.com.
1 Okay, einer spricht ein wenig Deutsch. Und dann gibt’s da noch eine Kanadierin, aber ich beziehe mich ja auf Engländer.
Diesen Text habe ich ursprünglich 2006 geschrieben, aus irgendwelchen Gründen aber bisher nicht veröffentlicht.
Dies ist die Geschichte, wie ich, vormaliger Bewohner des Hotel Mama, Auswärtsesser par excellence, erster Nutella-Abhängiger der Weltgeschichte, das erste Mal ganz alleine gekocht habe. Und zu welchen Gedanken das führte.
Ein ganzes Gericht habe ich selber gekocht. Für vier Personen. Penne mit selbst gemachter Tomatensoße. Obwohl ich’s doch lieber erst im Kleinen, nur für mich alleine, ausprobieren wollte.
Nachdem mich eine Vegetarierin immer behakt hatte, dass ich doch mal selber kochen solle. Weil das doch gesund wäre. Und Geld, so ein weiteres ihrer zahlreichen Argumente, spare man auch. Kein schlechtes Argument, für einen Praktikanten, der ich damals noch war.
Nachdem ich mit einer Kanadierin darüber gestritten hatte, ob der norddeutsche Kartoffelsalat besser sei als das süddeutsche Öl-Kartoffel-Gepansche.
Nachdem ein kanadischer Kollege einen flammenden Appell an meinen Magen gehalten hatte, mir das Kochen mit einer Leidenschaft darlegte, die schon fast unheimlich war. Als er beschrieb, wie schön rot die Tomaten wären, wie wohlig das alles duften würde, wenn das Gemisch in der Pfanne vor sich hin brutzelt. Und wie man dazu gefälligst Nina Simone auflegen solle.
Als mir dann am nächsten Abend, nach einer unbequemen Wahrheit auf der Leinwand – inklusive eines Al Gore mit Essensresten im Mund –, einem Beck’s im Magen und einer klar illegalen Busfahrt bereits erwähnte Kanadierin detailgenau erklärte, dass ich die Pilze exakt dann in die Pfanne geben müsse, wenn die Zwiebeln gerade glasig wären. Und dass das auch der richtige Moment wäre, die Nudeln in das just in dem Augenblick siedende Wasser zu tun. Als sie mir sagte, dass ich einfach anrufen sollte, falls es brenzlig würde. Da wusste ich; Julian, es gibt keine Ausreden mehr. Deine Stunde hat geschlagen. Die Eieruhr ist abgelaufen.
Später in der Nacht erzählte ich dann meinen Mitbewohnern auch noch großspurig, dass ich am Samstag kochen würde. Pasta, mit irgendwas. Das war dann die letzte Nudel in meinem Sarg. Ab dann hing mein Leben an einem halb garen Spaghetti. Die Angst vorm Kochen trieb mir die Tomatensoße in die Augen. Ich konnte kaum noch sprechen, hatte Fleischklöße im Hals. All meine Gedanken – sonst klar wie Kloßbrühe – handelten nur noch vom Essen. Verwirrt von der ungewohnten Aufgabe träumte ich von übelsten, auf Nahrungsmittel umgemünzte Redewendungen. Sollte ich am nächsten Tag vor meinen Schöpfer, das große fliegende Spaghettimonster, treten müssen – gestorben an, beispielsweise, einer Überdosis Knoblauch?
Denn es ist so eine Sache mit dem Knoblauch. Jeder sagt Sätze wie »Mach das mal mit ein wenig Knoblauch« oder »Und dann noch ein wenig Knoblauch«. Aber keiner sagt einem, was genau man mit dem Knoblauch eigentlich machen soll.
Ich hatte auf dem Markt drei große Knoblauch gekauft, weil ich das ganze aus der Entfernung erst für Zwiebeln hielt. Später, zu Hause, bemerkte ich dann meinen Missgriff. Aber was soll’s. Erstes Mal und so. Und zur Not kann man ja immer mal Baguette mit Knoblauchbutter machen.
In meinem Kopf hallte des Kanadiers Satz »Und dann den Knoblauch in die Pfanne«, nach. Schön, ich hatte also dieses Ding in der Hand. Doch was sollte ich nun damit machen? Unintuitiv war da das erste Wort, das mir dazu in den Sinn kam. Ich beschloss also, ihn erst einmal zu waschen. Dabei würde sich dann schon irgendwas ergeben.
Nach dem Knoblauch wusch ich dann voller Verzweiflung die Paprika. Und die Tomaten. Danach beschaute ich mir noch mal den Knoblauch. Nur um dann doch lieber die Paprika zu schneiden. Und die Tomaten. Und schließlich auch die Zwiebeln, wobei ich ein kleines Bisschen weinen musste.
Nachdem ich Öl, Salz, Bratpfanne, Töpfe, Wasser, Pfeffer und was man sonst noch alles braucht, beisammen hatte, widmete ich mich wieder dem Knoblauch. Vorsichtig betastete ich ihn von allen Seiten, probierte verschiedene Winkel aus, um ihn mit dem Messer einzuschneiden – doch so recht traute ich mich nicht. Also schnitt ich zuerst mal den haarigen Knorpel am unteren Ende ab – von da an entblätterte sich der Knoblauch beinahe von selbst und gab mehrere kleine Knoblauchteilchen frei.
Nun stand ich allerdings vor einem neuen Problem: Was stellt man mit den kleinen Knoblauchteilchen an? Aus Fehlern schlau geworden, fing ich mit dem für mich mittlerweile offensichtlichsten an; Haut abziehen.
Schnell hatte ich also mehrere kleine Knoblauchteilchen auf einem Teller liegen. Was nun? Zerhackt man sie? Zerreibt man sie? Tut man sie ganz in die Pfanne? Ich konnte mich noch ganz düster daran erinnern, dass man sie auch pressen könnte.
Zwischen all den Möglichkeiten hin- und hergerissen beschloss ich, das ganze zuerst einmal auf dem Teller liegen zu lassen. Also machte ich mich daran, die Pfanne auf den Herd zu stellen und Öl hinein zu gießen. Dann nahm ich sie wieder vom Herd herunter, weil ich in der ganzen Aufregung völlig vergessen hatte, dass wir bloß in unserer heruntergekommen Butze bloß einen alten einen Gasherd haben. Ich genoss also einen kurzen Moment kleinkindlicher Freude, als ich mit einem Feuerzeug bewaffnet am Herd herumzündeln konnte. Danach stellte ich die Pfanne dann auf die Flamme und wartete. Nach kurzer Zeit fing die Chose wirklich an, ernsthaft heiß zu werden. Die Zeit für Zwiebeln war gekommen.
Ganz lässig und leger füllte ich nebenbei noch einen weiteren Topf mit Wasser, damit ich später darin die Nudeln kochen konnte. Ich begann, ein wenig aufzutauen und gab die Soße in einen dritten Topf. An dieser Stelle fühlte ich mich richtig gut. Wie ich so, abwechselnd mit Töpfen, schweren Gläsern oder frischem Gemüse durch die Küche schwofte – das hatte schon was.
★ ★ ★
Ich kann mir das gut fürs Alter vorstellen. Als etwas betagter, aber immer noch vitaler Großvater morgens mit seinen Enkelkindern auf dem Schoß die Zeitung lesen. Allerdings nur Sport und Blick in die Welt. Vorher jedoch noch den Kulturteil – auch um die Enkel zu ärgern. »Ach Opi, wir wollen wissen, wie Werder gespielt hat, mach mal hinne, lies schneller!« Man sieht, auch in der Zukunft hat die Jugend keinen Respekt mehr vor dem Alter. Das ist auch der Grund, warum sie am vorigen Abend nicht Fußball gucken durften, sondern schon um sechs auf ihr Zimmer mussten. »Gleich, ihr verzogenen Kackbratzen, der Opa muss erst schauen, wohin er seine Haushälterin ausführen kann, wenn die Oma übers Wochenende auf Kur ist. Aber pssst, ja kein Wort! Sonst gibt’s keine Werthers Echten mehr.«
Danach dann ein wenig die Enkel den Rasen mähen lassen, während Opa die Blumen düngt und Oma scheinbar fröhlich vor sich hin pfeifend etwas wie »Dick und fett und arbeitslos, der Alte!« oder »Boah! Boah! Ist der lahmarschig geworden! Boah!« murmelt. Das alles stilsicher mit einem sizilianischen Strohhut auf dem Kopf und einer braunen, ausgewaschenen Latzhose aus Cord. Mit durchgescheuerten und ausgebeulten Knien, versteht sich.
Schließlich radle ich mit den Lümmeln zum Markt im Dorf, wo frisches Gemüse gekauft wird. Ich gehe allerdings nicht einfach so zur Gemüsefrau und grantle »Zehn Tomaten bitte, heute mache ich einen drauf!«, sondern nehme jede Tomate einzeln in die Hand, um sie in die Spätsommersonne zu halten und auf Stellen zu untersuchen. Dabei drücke ich sie auch ganz leicht zwischen Daumen und Zeigefinger, um die Elastizität zu prüfen. Irgendwann kommt mir eine Wolke dazwischen und es geht weiter zu den Pilzen, wo ich ähnlich verfahre. Zusätzlich führe ich mir ein paar Pilze stichprobenartig unter die Nase und schnüffele dran, wobei ich aufgrund der vielen Haare in meiner alten Nase ein komisches Geräusch von mir gebe, was seitens der Enkel mit leicht angewiderten Blicken quittiert wird. Ich habe den Eindruck, sie schämten sich manchmal ein wenig wegen ihres Großvaters.
Nach diesem langwierigen Verfahren wandert die Sippe dann weiter zum Süßwarenladen, den sie Glocken läutend betritt. Sofort weiten sich die Nasenlöcher der Enkel und saugen begierig die Düfte und Gerüche ein, während sie im Halbdunkel des Ladens über quietschende Holzdielen von einer Leckerei zur nächsten huschen. Als die kleinen Rotznasen schon im Laden anfangen, zu naschen, geben sie ebenfalls komische Geräusche von sich. Aber Opa kann trotz seines Alters noch gut austeilen – damit hatten sie nicht gerechnet! Am Ende sind alle erschöpft und erleichtert – die Enkel, der Opa, des Opas Portmonaie. So radelt die Familie wieder nach Hause.
Dort beginne ich dann mit den Vorbereitungen. Zuallererst wird die Omi aus der Küche vertrieben, wo sie immer am Kühlschrank herumlungert. Danach wasche und schneide ich Tomaten, Zwiebeln, Pilze, Gurken und Anschovis – obwohl ich die gar nicht mag. Oma hat allerdings eine Schwäche dafür und würde sofort aufhören, Opas zahlreiche Affären mit der Haushälterin, der Sprechstundenhilfe des Arztes im Nachbardorf und der Frau von der Kegelbahn zu tolerieren, wenn ich sie wegließe. Liebe geht halt durch den Magen. Besonders in diesem hohen Alter.
Während die Enkel draußen fangen spielen und Opa mit allerlei Gedöns durch die Küche schwoft, schaut Oma ihm durch einen kleinen Spalt der offnen Küchentüre zu. Wie wunderhübsch der Opa doch mit seinen nicht mehr ganz steten, aber immer noch wohl gepflegten Händen den Knoblauch auseinander pult. Er wirkt fast ein wenig distinguiert dabei.
An dieser Stelle verlassen wir die Zukunft. Schließlich ist es genau dieser Moment, für den ich mein Leben zu leben gedenke. Alles andere – der Krach wegen der Affäre mit der Schwester der Dorfschullehrerin, der ständige Kampf um die Fernbedienung und die ewige Rechthaberei bezüglich der Grammatik in den Briefen an die Kinder – verblüht völlig im Glanze dieses einen Augenblickes. Oder wie sagt man noch so schön; »Essen ist der Sex des Alters«.
Da meine Ex-Kollegen von Last.fm an meinen Uni-Erfahrungen interessiert waren, habe ich sie mal niedergeschrieben. Da ich im Moment nicht so viel Zeit habe, alles doppelt zu schreiben, muss man sich das leider auf Englisch durchlesen:
Mein Uni-Leben: Die erste Woche
The Big Picture (großartige Seite) hat ein paar Bilder von der Stadt, in der ich zweieinhalb Jahre lang gewohnt habe: London from above, at night. Sehenswert. Dagegen bleiben meine Fotos eher blass ;)
Ich habe letzte Woche Mittwoch – schweren Herzens – das erste Mal in meinem Leben gekündigt. Im zweiten Anlauf. Den ersten Kündigungsbrief bekam ich mit Rotschrift-Korrekturen und einer B− als Note zurück. Ich habe noch viel zu lernen.
Am 12. September ist mein letzter Tag bei Last.fm. Ich hatte mich ursprünglich nur für ein dreimonatiges Praktikum beworben, das ich zum Studieren brauchte. Als ich anfing, war ich der siebzehnte Mitarbeiter und das Büro viel zu groß. Jetzt, zweieinhalb Jahre und eine Bürovergrößerung später, haben hundert Leute kaum Platz, die Beine zu strecken.
Danach muss ich irgendwie schauen, wie ich meine Bücher, CDs und Socken wieder zurück nach Deutschland bekomme. Vielleicht kann ich ja ein paar Pullover an die Mädchen vom Stripclub1 nebenan verschenken.
Am 22. September geht’s dann – falls ich dem ganzen Papierkram Herr werde – mit dem Studium in Potsdam los. Einen Platz hatte ich ja theoretisch schon seit einem Jahr. Anfangen wird das ganze mit einer Bootsfahrt auf der Havel. Und dann mal schauen.
Mein wichtigstes Ziel für die Zeit in Deutschland muss es auf jeden Fall sein, mich wieder öfters Rasieren und zum Friseur zu gehen.
1 Ich muss übrigens gestehen, besagten Stripclub noch nie besucht zu haben. Überhaupt war ich noch nie in einem Stripclub. Nach zweieinhalb Jahren London ist das entweder sehr gut oder sehr schlecht – je nach Sichtweise.
Vor ein paar Wochen habe ich einen kurzen Ausflug ins Krankenhaus unternommen, um mich einer Operation zu unterziehen. Nichts wildes, nur eine Nacht im Krankenhaus und dann zwei Wochen zu Hause im Bett (und zwar wirklich den ganzen Tag im Bett). Das Krankenhaus allerdings war großartig. Da mein Arbeitgeber seinen Angestellten großzügiger Weise eine private Krankenversicherung spendierte, wurde ich in ein Privatkrankenhaus geschickt. (Das war mir, nach meinen bisherigen, zum Glück eher oberflächlichen, Erfahrungen mit den staatlichen Krankenhäusern auch sehr recht so.)
Als ich nach einer kurzen U-Bahn-Fahrt am Krankenhaus ankam, wurde ich als erstes von einer Dame begrüßt und in ihr Büro geboten. Dort nahm sie meine Daten auf – Geburtstag, Religion, nächste Verwandte im Todesfall und so weiter. Danach führte mich ein Portier in Anzug und Krawatte auf mein Zimmer, wobei er sogar mein Gepäck (halb leerer Rucksack) trug.
Mein Einzelzimmer – und das angrenzende Bad – waren großartig. Als ich mich zwischen den verschiedenen Arzt- und Krankenschwesterbesuchen umschaute, entdeckte ich einige Luxusgegenstände. So gab es tatsächlich einen Fernseher mit Pay-TV nur für mich – bloß brauchte ich dafür nichts zu bezahlen. Im Fernseher drin war eine Art Apple-TV-Verschnitt, mit dem ich mir verschiedenste Filme auf Abruf anschauen konnte. Wenn man den Film unterbrach, merkte sich das Gerät sogar, an welcher Stelle man war. Sehr schön, dass der vorige Bewohner des Zimmers Blades of Glory bis fast zum Ende geschaut hatte und das Zurückspulen genau so lange dauerte, bis eine Art Kellner kam, bei dem ich mir etwas zu Essen für nach der Operation bestellen konnte. Ich nahm ein Hühnchensandwich – wobei mich die Entscheidung zwischen normalen Brot und Ciabatta fast überforderte. Wahrscheinlich hätte ich sogar zwischendurch etwas essen können, denn direkt neben meinem Bett stand ein Kühlschrank. Ich kann allerdings nicht genau sagen, mit was er gefüllt war, da ich mich partout nicht traute, ihn zu öffnen. Man weiß ja nie, ob solche Sachen nicht doch etwas kosten. Ist ja am Ende doch alles Abzocke, in der Gesundheitsindustrie.
Gerade, als ich es endlich geschafft hatte, Blades of Glory ganz zurückzuspulen, kam die Schwester und schob mich in den Vorbereitungsraum für die Operation. Dort kam ich in den Genuss einer professionellen Narkose und schlief friedlich mit Abgasgeruch in der Nase und Bleigeschmack im Mund ein.
Die Operation selbst verlief dann ohne Komplikationen, wenn ich den Ärzten Glauben schenken darf. (Das ist ja auch wieder so ein Thema; »Halbgötter in weiß« – und ich als Atheist.)
Nach einem kleinen Schüttelanfall und einer etwas größeren Dosis Morphium kam ich dann nach dem Aufwachen wieder in mein Zimmer. Dort fragte mich eine Schwester, wie es mir ginge. Ich war anscheinend noch nicht wieder ganz bei Kräften, denn sie verstand mein »Wasser!« erst, als ich fast schrie. So kam es mir zumindest vor, und ich musste erstmal tief durchatmen. Nach ein paar Schlucken Wasser flutschte es jedoch schon viel besser. Ich fragte die Schwester – mit einem unfreiwilligen, aber nicht unwillkommenen – James-Steward-Nuscheln, wie es denn mit dem Telefonieren so aussähe. Dann führte ich ein langes Telefongespräch mit meinen Eltern, in dessen Verlauf ich sie erst beruhigte, um sie dann am Ende mit einer gewissen post-operativen Verwirrtheit wahrscheinlich wieder ein wenig zu beunruhigen. (So genau weiß ich das allerdings auch nicht mehr.)
Nachdem die völlige geistige Erschöpfung eingetreten war, versuchte ich, der körperlichen vorzubeugen. Ein leckeres Sandwich und eine Tasse Tee machten es mir auch sehr leicht. Nach dem Abendessen konnte ich dann ein zweites Mal an diesem Tag einschlafen, nun allerdings mit Hühnchen- statt Bleigeschmack im Mund.
Am nächsten Morgen gab es Frühstück, einen Arztbesuch, meine ersten Gehversuche und schließlich einen Verbandswechsel, dann durfte ich offiziell nach Hause. Nach einem Becher Pillen für den Weg machte ich mich dann auch auf die Socken, um ins Erdgeschoss des Krankenhauses zu gelangen, wo viele bunte Pillen auch mich warteten.
Kaum einen Tag vorher war ich den selben Weg noch mit Elan entlangmarschiert. Am Morgen danach gelangen mir nur Trippelschritte.Verschiedensten Leuten boten mir Krücken und sogar Rollstühle. Ich lehnte sie alle ab. So schaffte ich es, die 100 Meter zum Fahrstuhl in 9,74 Sekunden Minuten zu sprinten.
Nachdem sich die Fahrstuhltüren im Ergeschoss öffneten, bot sich mir ein Bild des Grauens: 15 Meter offener, ungedeckter Raum bis zur Medikamentenausgabe. Keine Mülleimer, keine Aschenbecher, nicht einmal eine künstliche Grünpflanze zum Festhalten. Mit all der Erfahrung eines Menschen, der Lawrence von Arabien, Alien und Knockin’ on Heaven’s Door gesehen hat, schaffte ich es mit letzter Kraft bis an mein Ziel. Dort bekam ich als Belohung eine riesige Papiertüte mit einer Menge bunter Pillen und der dazugehörigen Anleitung.
Meine Euphorie trug mich dann bis zur Rezeption. Hier ließ ich mir von der freundlich Dame ein Taxi bestellen, das mich schließlich bis vor meine Haustür brachte. Dort musste ich mich nur noch drei Stockwerke an Treppen hochkämpfen, bevor ich mich endlich aufs Sofa fallen lassen und mir eine den Heilungsprozess beschleunigende Mais-Salami-Pizza bestellen konnte.
Der Engländer macht ja viele Sachen anders als der Deutsche, oder gemeinhin der Europäer. Das rührt daher, dass er isoliert auf einer Insel wohnt und über Jahrhunderte hinweg nur von schlechten Leuten besucht wurde. Zuerst wurde er von der Römern unterjocht; dann von der Wikingern geplündert; konnte sich gerade so einer spanischen Invasion entziehen; hatte Glück, dass Napoleon weder einen Tunnel noch einen Fesselballon zu Stande brachte; und musste schließlich bei der EM im eigenen Land den Titel dem Deutschen überlassen.
Kein Wunder, dass der Engländer sich darum allem Kontinentalen gegenüber eher verschlossen verhält und somit von einigen wundervollen Errungenschaften der Moderne noch nichts mitbekommen hat. Nun kann man von solchen eigentlich selbstverständlichen Sachen wie Wasserdruck in der Dusche oder funktionierenden Bahnsystemen halten, was man will – man würde sich aber doch schon irgendwie freuen, wenn man sie hätte.
Am schlimmsten ist es allerdings mit der Straßenbeschilderung. Der Deutsche ist es ja gewohnt, an jeder Straßenecke ein auf einem Pfosten befestigtes Schild mit dem Namen der dazugehörigen Straße vorzufinden – selbstverständlich gesetzt in der DIN 1451. Eine grundsolide Lösung.
Der Engländer hält diese Lösung für übertrieben. Er möchte Pfosten sparen und befestigt die Schilder daher an den Gebäuden, die an der Straße stehen. Allerdings nicht im Erdgeschoss, sondern irgendwo knapp unter dem Dach. Dies liegt, denke ich, daran, dass der Engländer ja so gerne über das Wetter redet. Um über das Wetter zu reden, muss man ja auch drüber informiert sein. So schlägt man beim Orientieren mehrere Fliegen mit einer Klappe; man streckt den Nacken, liest das Straßenschild und sieht auch gleich, ob irgendwo eine Wolke aufzieht. Oder ein deutscher Flieger.
Nun wäre das ja an sich noch kein Problem. Pfosten sparen ist ja legitim und in Ordnung. Dem Engländer allerdings ist das noch nicht genug; er möchte auch Schilder sparen. »Es braucht doch nicht«, denkt er sich, »an jeder Ecke ein Schild – es reicht doch, jeweils am Anfang und am Ende der Straße eines anzubringen!«. So kann es also passieren, dass man eine Viertelstunde lang eine besonders lange Straße entlangläuft, ohne zu wissen, wie sie denn heißt. Da kann es passieren, dass man zu einer Party läuft, die bei folgender Adresse stattfindet: Old Bethnal Green Road 255. Nun kommt man aber von einer Querstraße aus in die Old Bethnal Green Road, weiß also nicht, dass man sich schon in der richtigen Straße befindet. Also läuft man so lange, bis sich ein Schild mit dem Straßennamen findet – am Ende der Straße. Jetzt weiß man, »Aha, hier bin ich richtig!«, und kann, weil man mittlerweile natürlich schon bei Hausnummer 411 ist, wieder ein ganzes Stück zurücklaufen. Das ist jedoch, selbstverständlich, nur das schlechteste Szenario. Meistens hat man ja vorher auf die Karte geschaut.
Und damit beenden wir einen weiteren Eintrag in der Kategorie Geschichten ohne Pointe.
Am 27. April waren Georg und ich zusammen im Purcell Room des Southbank Centres, um uns dort Rohan de Saram und das Cello-Ensemble Endymion anzuhören.
Da ich vorher noch nie auf einem Cellokonzert war, wusste ich nicht so recht, was mich erwarten würde. Umso überraschter war ich dann, als ein südländischer älterer Herr erschien, der sich – wie es schien – geradewegs vom Strand auf die Bühne verirrt hatte. Nachdem meine Augen sich an das blended weiße Baumwollhemd gewöhnt hatten, konnte ich jedoch erkennen, dass besagter Herr ein Cello in den Händen trug. Schnörkellos begrüßte er uns dann auch sogleich, sprach noch ein paar Worte über das Stück, welches er spielen wollte, und setzte sich dann. Auf dem Stuhl sitzend, rückte er dann routiniert noch ein wenig hin und her, die beste Position suchend, um den Stachel seines Cellos zwischen die Holzbretter des Bühnenbodens zu drücken. Schließlich hatte er sich und sein Cello vielversprechend in Position gebracht und feuchtete seinen Daumen an, um das Notenheft aufzuschlagen – als er plötzlich wieder abbrach, aufstand und mit einem Schmunzeln verkündete: »Eine Sekunde, ich habe meine Brille vergessen!«
Dann ging’s aber los. Und wie. Wer wissen möchte, was man mit einem Cello so alles anstellen kann, sollte ich mal mein Lieblingsstück des Abends anhören: Kottos, ein Solo für Cello, das sich irgendwo zwischen Erdbeben und der Musik zu Super Mario einpendelt.
Natürlich hat der gute Rohan nicht die ganze Zeit alleine gespielt. Zwischendurch holte er sich bis zu sieben weitere Cellos und einen Dirigenten mit auf die Bühne, um so Stücke wie Steve Reichs Cello Counterpoint zu spielen. Auch ein sehr gutes Stück.
Ich würde nicht unbedingt jeden Tag in ein Cellokonzert gehen, aber ab und an kann man das durchaus mal machen.
Am 30. April war ich mit Jens im Barbican, wo sich Pierre Boulez (sehr sympathisch) und das London Symphony Orchestra die Ehre gaben. Wer nun ernsthaft etwas über die musikalische Qualität dieses Konzertes erfahren möchte, sei an das von mir höchst geschätzte Intermezzo verwiesen. Der freundliche Schreiberling dort kennt sich deutlich besser mit der Materie aus, als ich es jemals vorgeben könnte.
Den Anfang machte Béla Bartóks Konzert für zwei Klaviere, Schlagzeug und Orchester. Sehr lustig war es, einmal zwei Klaviere auf einer Bühne zu sehen – sie standen spiegelverkehrt gegeneinander und drängten das Orchester sehr zusammen. An einem saß ein Mann, am anderen eine Frau. Einen geschlechtsbedingten Unterschied in der Spielweise konnte ich nicht erkennen. Das Konzert selbst war auch ganz gut.
Als nächstes waren Schönbergs Fünf Stücke für Orchester an der Reihe, gefolgt von Stravinskys Chant du rossignol, wobei mir persönlich die Fünf Stücke für Orchester besser gefielen. Den Abschluss machte dann einige von Boulez’ eigenen Kompositionen, Notations I, II, III, IV, VII – auch das gefiel sehr gut. Notation II wurde dann als Zugabe noch ein zweites Mal gespielt – die erste Zugabe, die ich bei einem klassischen Konzert erlebt habe.
Am 8. Mai spielten, nur zehn Minuten vom Büro entfernt in der Kirche St. Luke’s, Midori und Charles Abramovich. Da durften Jens – selbsternannter größer Midori-Fan aller Zeiten – und ich selbstverständlich nicht fehlen. Das Konzert fing im Okay-Bereich an und wurde vor der Pause dann mit Krzyzstof Pendereckis Violinsonaten Nr. 2 (Tracks Nr. 8–12 beim Link) richtig gut.
Nach der Pause allerdings fiel alles erstmal ein wenig ab, was nicht nur an den zunehmend unbequemeren Stühlen lag; Christian Masons Efflorescence war einfach überhaupt nicht nach meinem Geschmack. Es wurde dann allerdings immer besser, um am Ende mit einigen ausgewählten Sätzen von John Adams’ Road Movies einen schönen Abschluss zu finden.
Ich empfehle einfach mal, sich Behindertenparkplatz anzuschauen, das Blog einer in London lebenden, deutschen Rollstuhlfahrerin. Weiterhin wäre da noch das Alzheimer-Blog, wo mal aus der Sicht einer Betroffenen geschrieben wird. (Da schlägt mein Zivildienst im Altersheim voll durch.) Und schließlich, um ein wenig beim Thema zu bleiben: The Life of Riley, wo eine 107-jährige Australierin über ihr Leben erzählt.
Reisetagebuch Kopenhagen 2005, Reisetagebuch London 2004
»Was hat 178 Zähne und bewacht ein Monster? Mein Reißverschluss!«
Harald Schmidt
Diese Seite ist eine komplett private Veranstaltung. Es wimmelt hier also nur so von Dingen wie Schleichwerbung, Vitamin B und unsinnigen, parallelgesellschaftlichen Witzen. Dazu gibt es je ein tolles, zufallsgeneriertes Zitat.
© 1999 bis in alle Ewigkeit die nächsten 50 Jahre: Julian Stahnke
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