Julian Stahnke

23 Jahre/FH Potsdam/Interfacedesign


zur Happy-Hour
am Sonntag, 4. Mai 2008

1, 2, 3, 4

Geschrieben in London
ohne Kommentare

Das letzte klassische Konzert, zu dem ich ging, war im Januar 2006 (dieses hier). Noch in Bremen, in der Glocke, die Herbert von Karajan zu den drei besten Konzerthäusern der Welt zählte und über den Margaret Price sagte: Die Glocke ist für Sänger der beste Saal der Welt!

Meine alte Musiklehrerin, Frau H., entrüstete sich jedoch des Öfteren über die Renovierung der Glocke von 1995–1997 und meinte, dass die Akustik damit versaubeutelt worden sei. Und auch in meinem näheren Umkreis gibt es kritische Stimmen, die behaupten, man könne während den Konzerten die Straßenbahnen draußen vorbei fahren hören. Ich selbst möchte mich an dieser Stelle auf meine Anstellung als lyrisches Ich besinnen und bloß verschiedene Blickwinkel möglichst neutral und objektiv darlegen, damit sich der emanzipierte Leser eine Zugfahrkarte nach Bremen kaufen und selbst eine Meinung bilden möge.

So, das war’s mit dem Bremen-verherrlichenden Vorspiel, kommen wir zum eigentlichen Punkt dieses Textes:

Midori im Barbican

Am Donnerstag, 3. April, besuchte ich also das erste Mal seit über zwei Jahren wieder ein klassisches Konzert – wenn man vom Besuch eines Vorspielens in der Bremer Musikschule einmal absieht. Und in Anbetracht einiger dort erbrachter Leistungen – ich denke hier an ein Mädchen, das es vor Lachen partout nicht schaffte, auch nur zwei zusammenhängende Noten zu spielen – kann man das auch guten Gewissens tun.

Das Programm des Abends: Tchaikovskys Violinkonzert, gespielt von Midori, einer mehr oder minder bekannten Violinistin und Objekt brennender Verehrung der älteren Dame zwei Reihen vor mir; sowie Stravinskys Feuervogel. Meine distinguierte Begleitung an diesem Abend war der Jens Nikolaus, mit dem zusammen ich in der allerletzten Reihe saß. Muss man auch einmal gemacht haben. (Betonung auf der ersten Silbe von einmal, und im Bezug auf den Sitzplatz, nicht den Jens.)

Den Anfang des Konzerts machte ein nicht im Programm aufgeführtes Stück, Everything goes so fast von Edward Rushton, einem jungen Komponisten, der im Rahmen irgendeines Projektes mal mit den großen durfte. Ich persönlich fand’s jetzt nicht so pralle. Aber der Ed ist ja noch jung, er hat ja noch Zeit, aus ihm kann ja noch was werden.

Tchaikovskys Violinkonzert (die ersten drei Tracks auf der Seite) war schon ziemlich gut. Midori auch. Meine letzte Erinnerung an eine Geigerin war ja, wie oben beschrieben (man suche nach »Musikschule« und »Mädchen« und »Lachen«), nicht so berauschend – ein Gegensatz wie Kakao und Kaffee. Oder, für alle, die Kaffee mögen, vielleicht eher wie Wasser und Sand. Oder so. Oder anders.1 Die ältere Dame zwei Reihen vor mir fand Midori Mesmerizing!. Ich, Mitglied des Bundes musikalischer Pauperisten, kann mich da nur anschließen. Auch wenn ich insgeheim darauf gehofft hatte, dass bei Midori wieder ein paar Saiten reißen würden.

Der Feuervogel von Stravinski, ein Hauptgrund fürs Kommen, war auch gut, ging aber nach dem Violinkonzert bei mir ein wenig unter.

Die Brandenburgischen Konzerte

Am Donnerstag, 10. April, ging’s dann zusammen mit Jonas in die Kirche, St. Martin-in-the-Fields. Dort frevelten wir und huldigten einem weltlichen Gott – Martin Feinstein. Dem Flötengott. Er und sein Feinstein Ensemble spielten uns die Brandenburgischen Konzerte (oder zumindest Nr. 5 und Nr. 6) sowie einige andere Sachen, darunter eines meiner Lieblingsstücke: das Violinkonzert g-Moll op. 8 Nr. 2 RV 315 von Vivaldi – vielleicht besser bekannt als der Sommer aus Die vier Jahreszeiten.

Die vier Jahreszeiten

Am Samstag, 12. April, wieder in St. Martin-in-the-Fields, kamen wir dann in den Genuss aller vier Jahreszeiten. Jonas, der Profigeiger, hatte natürlich was an den Solisten zu mäkeln, meinte aber, es seien hauptsächlich Fehler auf hohem Niveau. Danach kamen dann noch zwei andere Stücke und schließlich Händels Dixit Dominus, wo der Chor enttäuschte. Die weiblichen Solisten waren lauter als die männlichen! Nicht, dass ich etwas gegen weibliche Solisten habe – ich finde ja Marie Arnet ganz groß, zum Beispiel–, aber ganz normal ist das ja nun nicht. Auch insgesamt war der Chor eher schwach. Aber egal, wir waren ja nicht wegen dem Chor da, sondern wegen den Geigern. Und die waren, wie bereits gesagt, nicht schlecht.

Musik von Kernis, Rachmaninoff und Vaughan Williams

Dienstag, 8. April, Barbican, ein Kollege und ich in der ersten Reihe. Was sich als äußerst gefährlich herausstellen sollte, da der erste Geiger mir mit seinem Bogen fast die Augen ausstach. Vor dem Konzert gab es einen so genannten Pre-Concert Talk, bei dem ein älterer Herr dem Publikum die Musik des Abends erklärte. Gegen Ende kam dann sogar noch Aaron Jay Kernis, Komponist des ersten Stückes (Newly Drawn Sky) und erzählte uns, worauf wir beim Hören achten sollten. Ich glaube sogar, tatsächlich einige der Dinge herausgehört zu haben, aus seiner Musik, die ich so schlecht nicht fand.

Es war großartig, in der ersten Reihe, nahe an der Musik und – vor allem – an den Musikern zu sitzen. Es eröffneten sich ganz neue Perspektiven aus Orchestermusik. So fiel uns zum Beispiel auf, dass ein Bratschenspieler zu kurze Socken trug. Und links außen gab es zwei identische Violoncellistinnen (ich hoffe inständig, dass dieses Wort existiert). Vielleicht die ersten Klon-Musiker. Oder Schwestern. (Insgeheim hoffe ich ja auf ersteres, befürchte allerdings letzteres.)

Andrew Litton, der Dirigent, schien direkt aus dem Karikaturteil einer Zeitung zu stammen. Er war groß, dick und hüpfte während der Vorstellung so sehr, dass das Pult ächzte und knächzte und der Schweiß von seinem hochroten Dirigentenkopf in alle Richtungen spritzte. Was nicht heißen soll, dass er ein schlechter Dirigent sei. Keinesfalls,– ich kann das eh nicht beurteilen – aber er schien mir einfach als Personifizierung des typischen Dirigenten, wie man ihn sich gemeinhin als Laie vorstellt.

Beim zweiten Stück, Rachmaninoffs ersten Klavierkonzert, konnten wir den Pianisten sogar bei seinem Kampf mit dem Klavier schnauben hören. Alles in allem sehr schön gespielt. Es gab zwar keinen dramatischen Höhepunkt wie in Shine, aber es war ja nun auch nicht das dritte.

Den Abschluss bildete dann die vierte Symphonie von Ralph Vaughan Williams, von dem ich vorher noch nie was gehört hatte. Und auch die war nicht schlecht, aber der Tag hat nur 24 Stunden, und man kann nicht in jeder davon Musik hören. Aber morgen, oder irgendwann.

1 Ich muss an dieser Stelle zugeben, dass ich keine Ahnung habe, was ich damit sagen will. Es ist mittlerweile zwei Wochen her, dass ich diesen Part geschrieben habe, und in der Zwischenzeit muss ich den sicherlich genialen Gedanken, der dahinter stand, wieder vergessen haben. Und das alles, bevor ich Gelegenheit hatte, ihn zu etwas großen auszuarbeiten! Welch ein Drama! Als Erinnerung an etwas fast großes lasse ich ihn einfach mal drin.




Anderswo zu empfehlen

Ich empfehle einfach mal, sich Behindertenparkplatz anzuschauen, das Blog einer in London lebenden, deutschen Rollstuhlfahrerin. Weiterhin wäre da noch das Alzheimer-Blog, wo mal aus der Sicht einer Betroffenen geschrieben wird. (Da schlägt mein Zivildienst im Altersheim voll durch.) Und schließlich, um ein wenig beim Thema zu bleiben: The Life of Riley, wo eine 107-jährige Australierin über ihr Leben erzählt.

Reisetagebücher

Reisetagebuch Kopenhagen 2005, Reisetagebuch London 2004

Das zufällige Zitat

»Man muss nicht immer den selben Standpunkt vertreten – niemand kann einen davor bewahren, klüger zu werden.«

Konrad Adenauer

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Diese Seite ist eine komplett private Veranstaltung. Es wimmelt hier also nur so von Dingen wie Schleichwerbung, Vitamin B und unsinnigen, parallelgesellschaftlichen Witzen. Dazu gibt es je ein tolles, zufallsgeneriertes Zitat.

© 1999 bis in alle Ewigkeit die nächsten 50 Jahre: Julian Stahnke

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