23 Jahre/FH Potsdam/Interfacedesign
Ich wurde in den letzten Monaten Beethoven gerufen. Man hat mir dazu oftmals Sachen wie Nicht verzweifeln, das wird schon mit der zehnten!
, oder Hey, immer noch am Grübeln über den letzten Satz?
an den Kopf geworfen. Das lag nicht etwa daran, dass – wie in jedem Menschen übrigens – ungefähr eine Milliarden von Beethovens Atomen in mir stecken, sondern weil meine Haare immer länger wurden. Wildfremde Menschen sprachen mich an und meinten, ich sähe aus wie ein Komponist aus dem 18. Jahrhundert. Und das alles nur wegen meiner Frisur.
Das letzte Mal beim Friseur war ich nämlich im Mai dieses Jahres, vor meiner Aufnahmeprüfung zum Studiengang Interfacedesign an der FH Potsdam. Seitdem war ich nicht mehr in Deutschland und somit auch nicht mehr beim Friseur. Denn mit den englischen Friseuren ist es so eine Sache. Das letzte Mal, als ich bei einem war, ging eigentlich alles schief, was schief gehen konnte …
Es war der 30. September letzten Jahres. Ein Samstag. Am Sonntag wollte ich nach München fliegen um ein paar Exilbremer zu besuchen. Wohl erzogen, wie ich nunmal bin, konnte ich es mir natürlich nicht verkneifen, einen guten Eindruck machen zu wollen. Dem stand eigentlich auch nichts im Weg – außer meinen Haaren. Die standen ab und waren zu lang.
Am Abend zuvor hatte ich mich noch auf eine Party gewagt, so dass ich ein klitzekleines bisschen verkatert war. Ich kam also erst recht spät aus dem Bett. Bis ich es dann endlich vor die Haustür schaffte, war es schon fast Abend – und meine Haare wurden von Minute zu Minute länger. Die Zeit drückte.
Da ich noch recht neu in der Gegend war, wusste ich natürlich auch nicht, wo sich die Friseure befanden. So lief ich also an einer recht belebten Straße lang, ohne auf einen Friseur zu stoßen, der noch offen war. Auch der Rückweg auf der anderen Straßenseite brachte keine Besserung. Alle Friseure hatten geschlossen. Alle, bis auf einen: Yasseen Hairdressers.
Nun gibt es Friseure und »Friseure«. Yasseen Hairdressers sah mir beängstigend nach letzterem aus. Aber was sollte ich schon tun, schließlich wollte ich am nächsten Tag nicht wie der Strubbelpeter in München landen. Also betrat ich mit erhobenem Haupthaar das Frisiergeschäft. Sofort wurde ich von einem indischen Herren fortgeschrittenem Alters begrüßt, dessen herausragendstes Merkmal ein langer, stolzer und vor allem oranger Bart war. An einem Kundenkopf arbeitend sah ich einen weiteren, jüngeren Herren; ebenfalls indisch. Nicht, dass ich etwas gegen Inder hätte – nur laufen sie ständig mit bedeckten Häuptern herum, so dass man nie ihre Frisuren begutachten kann. Ist ein indischer Friseur also ein Oxymoron?
Mit meinem freundlichsten Lächeln wollte ich fragen, ob und wie man mir an diesem Ort zu einem neuen Haarschnitt verhelfen würde. Der orange bebärtete Inder übersprang jedoch jedwede Begrüßung und fragte einfach Haarschnitt?
. Ja!
, beeilte ich mich zu erwidern, woraufhin mir dann auch sofort irgendwo aus dem Bart ein Hinsetzen!
entgegen geschossen kam. Als ich Platz genommen hatte, fragte der Inder, wie ich meine Haare denn gerne hätte. Ich setzte an, meine Wunschfrisur mit den blumigsten Phrasen auszumalen – hatte ich mir doch vorher schon extra Gedanken gemacht, was ich mir vorstellte und wie ich es beschreiben könnte. Schnell musste ich allerdings feststellen, dass das Vokabular meines Gegenübers auf sehr wenige Wortbausteine beschränkt war, unter denen selbst solch essentielle Friseurphrasen wie Könnten Sie vielleicht einfach zwei Monate wegschneiden?
oder sogar Nicht zu kurz, bitte?
nicht zu finden waren.
Stattdessen wurden der Stuhl und ich um 180° herum geschwungen, so dass ich auf einmal die Portraits dreier Bollywood-Stars anstarrte. Aussuchen!
, kam es aus dem Bart. Das linke, bitte.
, sagte ich langsam, einen kleinen Schock überwindend. Okay, das letzte!
, wiederholte der Inder. Nein, Moment, das linke!
, rief ich vom Rande des Entsetzens und zeigte zur Sicherheit mit meinem Finger drauf. Okay!
, sagte der Inder und holte einen Rasierapparat aus einer Schublade.
Meine Erinnerungen von den folgen Minuten sind löchrig wie ein Schweizer Käse. Ich kann mich aber sehr gut daran erinnern, psychisch bis aufs Äußerste gelitten zu haben, sah zwischenzeitlich doch alles sehr haarig aus. Mein Leben rauschte vor meinem inneren Auge vorbei. Zum Glück schaffte es mein Peiniger zum Ende hin noch, ein wenig die Kurve so kriegen (es war wundersam, wie die letzten Minuten des Champions’-League-Finales zwischen Bayern und Manchester), so dass es nicht ganz so schlimm wurde.
Gerade als ich dachte, ich hätte alles heil überstanden, öffnete der Inder jedoch eine weitere Schublade und entnahm ihr ein mysteriöses Gerät mit den Ausmaßen eines Backsteines. Für einen kurzen Moment beschäftigte sich mein Gehirn mit der Frage, welche Funktion dieses Gerät haben könnte, dann wurde es in seinen Grundfesten erschüttert: das Gerät war zum Massieren des Kopfes gedacht, zumindest nach Auffassung des älteren Inders. Meine Meinung – die des Gehirnes1, welches mit Hilfe der Finger seines Wirtskörpers diese Zeilen in einen Computer tippt – hätte gegensätzlicher kaum sein können. Aber wenigstens lernte ich, was aus alten Presslufthämmern wird.
Am Ende habe ich’s entgegen aller Befürchtungen doch lebend überstanden. Alles drehte sich vor meinen Augen, mein Gang glich dem eines Betrunkenen und selbst Martin Luther hätte über meine Frisur gelacht. Aber ich lebte noch. Und Haare wachsen ja nach. Zumindest in meinem Alter noch.
Das ist also der Grund, warum ich sechs Monate lang nicht zum Friseur ging: pure Angst, wie andere Leute vorm Zahnarzt. Ich traute den englischen Friseuren einfach nicht zu, ihr Handwerk zu beherrschen. Natürlich gab es zig Köpfe mit den besten Gegenargumenten, aber manchmal ist man einfach irrational.
Zumindest so lange, bis einem morgens beim Joggen die Haare so weit über die Augen hängen, dass man kaum noch was sieht.2 Dann sollte man wissen, dass es Zeit ist, sie mal wieder schneiden zu lassen. Also ließ ich mir einen guten Friseur empfehlen, überwand meine Scheu und erklärte präzise, was ich haben wollte: Kurz!
Nun nennt mich niemand mehr Beethoven. Stattdessen fragen mich jetzt jedoch alle, ob ich mich bei der Armee beworben hätte.
1 Jetzt ist mir gerade komisch zu Mute. Mein Körper fühlt sich völlig fremd an, als ob er wirklich nur ein Werkzeug für mich (das Gehirn) wäre, dass ich ihn lästig finde, aber trotzdem auf ihn angewiesen bin. Wie Pinky und Brain. Bin ich nur ein kleiner grauer Klumpen, umgeben von bloßen Werkzeugen; ein Parasit – aber gleichzeitig auch mein eigener Wirt? Könnten wir Gehirne alleine denken, wenn man uns maschinell mit Sauerstoff versorgen würde? Wie die konservierten Köpfe in Futurama; bloß noch einen Schritt weiter? Oder brauchen wir Gehirne Sinnesreize, um zu existieren? Und falls es funktionierte, könnte man zwei Gehirne miteinander verbinden? Fragen über Fragen und Herr Klöckner ist nicht da, wenn man ihn braucht.
2 Und das war wirklich so, ganz ehrlich. Wie kann man als Mädchen bloß mit langen Haaren leben? Völlig unerklärlich.
Ich empfehle einfach mal, sich Behindertenparkplatz anzuschauen, das Blog einer in London lebenden, deutschen Rollstuhlfahrerin. Weiterhin wäre da noch das Alzheimer-Blog, wo mal aus der Sicht einer Betroffenen geschrieben wird. (Da schlägt mein Zivildienst im Altersheim voll durch.) Und schließlich, um ein wenig beim Thema zu bleiben: The Life of Riley, wo eine 107-jährige Australierin über ihr Leben erzählt.
Reisetagebuch Kopenhagen 2005, Reisetagebuch London 2004
»Amerikaner tun am Ende immer das Richtige. Nachdem sie vorher alle anderen Möglichkeiten ausprobiert haben.«
Winston Churchill
Diese Seite ist eine komplett private Veranstaltung. Es wimmelt hier also nur so von Dingen wie Schleichwerbung, Vitamin B und unsinnigen, parallelgesellschaftlichen Witzen. Dazu gibt es je ein tolles, zufallsgeneriertes Zitat.
© 1999 bis in alle Ewigkeit die nächsten 50 Jahre: Julian Stahnke
271 Ausgaben