23 Jahre/FH Potsdam/Interfacedesign
Dieser Eintrag wurde vor ein paar Wochen geschrieben, aus Zeitmangel allerdings nicht ganz zu Ende. Nun, jetzt wo ich Ferien habe, konnte ich’s nachholen.
Ich wohne ja in London. Das bringt viele Vor-, aber auch einige Nachteile mit sich. Ein Nachteil ist zum Beispiel, dass ich meinem Lieblingsverein, dem SV Werder Bremen, nicht beim Fußball spielen zuschauen kann. Der Weg ist einfach zu weit, es wäre zu umständlich. Man muss ja immer schon anderthalb Stunden vorher da sein, um einen vernünftigen (Steh-)Platz zu kriegen. Rechnet man dazu noch weitere anderthalb Stunden Flug, die Fahrten von und zum Flughafen sowie die Bratwurst vor dem Spiel, dann sind das gut und gerne fünf Stunden, die ich vorher los müsste. Von der Rückfahrt ganz zu schweigen.
Doch halt! Letzten Dienstag hatte ich die einmalige Gelegenheit, der zeitlichen Komponente ein Schnippchen zu schlagen. Werder spielte nämlich hier bei mir, in London. Gegen Chelsea, den Club der Neureichen – also die, die nicht wissen, wohin mit ihrem Geld.
Ins Stadion wird es jedenfalls nicht gesteckt, wie ich feststellen durfte. Das kommt recht dürftig und einfallslos daher. Alles wirkt sehr billig. Aber nicht dieses einfache billig. Nein, wenn schon billig, dann aber richtig. Abramovichs Millionen möchten schließlich nicht einfach so verprasst werden, dafür muss schon etwas geboten werden. Es handelt sich hier also um die hohe Kunst des gewollt, aber nicht gekonnt.
Das Weserstadion hingegen ist einfach. Es versucht gar nicht erst, fein zu sein. Da passt alles zusammen. Da mischt sich keine marmorne Glasfassade an der Außenseite mit billiger, abplatzender Grundierungsfarbe für die Geländer auf der Innenseite. In einem Farbton, der noch nicht einmal die Vereinsfarben trifft, wohlgemerkt. Das einzige, was mich am Weserstadion stört, sind die neuen Wurstbuden im Inneren. An der Stamford Bridge hingegen …
»Ja, aber«, werden einige in ihren Bart nuscheln, »wie ist denn der Julian überhaupt ins Stadion reingekommen?« Mit einer Karte Jungs, mit einer Karte. Was mich daran erinnert, dass ich am Wochenende 20 Postkarten gekauft habe. (Billig im Angebot für £1. Da musste ich zuschlagen.) Also Großeltern, Onkels, Tanten, Altenheimbewohner und Herr Herzfeld; ziehen Sie sich warm an, es gibt Post!
Anmerkung: Ich habe tatsächlich Postkarten geschrieben und abgeschickt. Und nicht mit einem Text für alle. Nein nein, für jeden Empfänger einen eigenen Text. So, wie es sich auch gehört! So viel dazu.
Zurück zur Leserfrage. Am Sonntag vor einer Woche fragte mich Daniel (Spitzname aus Grundschulzeiten: »Sahne«), ob ich zum Werderspiel gehen würde. Ich war natürlich erst einmal perplex und sagte gar nichts. Dann erinnerte Daniel mich, dass Werder ja hier in London spiele. Hatte ich vorher nicht gewusst. Daraufhin brach ich selbstredend in hektisches Online-Kartensuchen aus. Ergebnis: Mittwoch Morgen, 7.00 Uhr, Stamford Bridge, Kassenhäuschen. Viel zu früh für jemanden, der sonst jeden Tag bis 9.00 Uhr ausschlafen kann. Aber was soll’s, man muss es ja mal auf sich nehmen.
Am folgenden Mittwoch Morgen also … nichts. Und am Donnerstag Morgen … wieder nichts. Und am Donnerstag Abend: »Verdammt! Oh nein1! Karten! Verdammt! Oh nein!«. Am Freitag Morgen dann, viel zu früh, mich weckend, eine SMS: »Hallo! Willst du eine Karte für das Werder-Spiel?«. Ich habe natürlich nicht gerafft, wer mir diese SMS schrieb. Wo sie her kam. Was das ganze sollte. Ich habe bloß, im Halbschlaf, »Ja!!!« getippt und bin dann gleich wieder eingeschlafen.
Als dann der Wecker klingelte, war ich fest davon überzeugt, dass alles nur ein Traum gewesen sein konnte. Wie angenehm überrascht war ich eine Stunde später, als ich auf dem Weg zur Arbeit eine SMS meiner Mutter mit den viel versprechenden Worten »Karte gekauft! Alles weitere später!« erhielt.
So traf ich mich dann also am Dienstag mit Herrn A. Herr A. ist ein Arbeitskollege meiner Mutter, der ebenfalls zum Spiel ging. Herr A. hatte des Weiteren noch ein ganzes Grüppchen Fan-Freunde mitgebracht. Nicht, dass das nötig gewesen wäre – Werder-Fans gab es bei dem Spiel genug. Aber es ist natürlich immer netter, in Gesellschaft zu einem Spiel zu gehen. Sich nicht alleine die Kehle aus dem Halse brüllen zu müssen. Hinterher mit einigen heiseren Kumpels noch eine Cola oder ein Glas Milch trinken zu gehen.
Nicht so für mich. Ich verlor Herrn A. und die eine Hälfte des Anhanges, als eine, nicht innerhalb der Gruppe abgesprochene, Pinkelpause eingelegt wurde. Die andere Hälfte verlor ich dann in der Schlange beim Einlass. Was allerdings nicht weiter schlimm war, da mein Sitzplatz eh ganz woanders war. Aber immerhin wurde mir vorher noch ein Bier ausgegeben. Vielen Dank nochmals dafür!
Die Werder-Fans wurden alle in einem großen Haufen zum Stadion getrieben, umrahmt von berittenen Polizisten auf äpfelnden Pferden. Sehr schön war es, dass viele Fans sich gegenseitig erkannten und in die Arme fielen. Zudem machte sich auch eine deutliche Konkurrenz zwischen Bremens verschiedenen Stadtteilen bemerkbar; Finndorf zum Beispiel wurde eindeutig vom Viertel nieder gesungen.
Das Stadion war, was mir besonders gefiel, rauchfrei. Ein diesbezüglicher Hinweis fand sich auf einem dunkelblauen Warnschild, auf dem in weißer Frakturschrift komplett in Kleinbuchstaben eine entsprechende Aufforderung angebracht war. Überhaupt waren fast alle deutschsprachigen Hinweise in Frakturschrift gesetzt – was müssen die Engländer bloß für eine Meinung von uns haben?
Dazu fällt mir auch wieder ein Schwank aus meinem Ereignis reichen Leben ein: Stirb langsam kennt man ja. In dem Film gibt’s ja Bösewichte. In der deutschen Fassung sind die ja aus Europa und der Oberböschurke heißt Jack Gruber. In der Originalfassung sind die Bösen aus Deutschland und der Oberschurke heißt Hans Gruber. Wir Deutschen kommen also in den ganzen Filmen immer sehr schlecht weg, was dann in den synchronisierten Fassungen ständig unterschlagen wird. Pfui.
Das Spiel an sich war dann ja nicht so prickelnd. Chelsea hat nicht wirklich gut gespielt. Werder allerdings auch alles andere als berauschend. Von Borowski gab’s einen Fehlpass nach dem anderen. Gelaufen ist er auch nicht. Selbst in den Situationen, in denen er den Ball sicher noch gekriegt hätte.
Klasnic ist ja auch so ein Thema. Was man normalerweise unter dem Begriff Ballbeherrschung zusammen fassend beschreibt, fehlt ihm völlig. Ich habe nie so ganz verstanden, warum er denn Spiel für Spiel immer wieder auf dem Platz steht.
Diego ist zwar einige Mal schön herumgedribbelt; das war’s dann aber auch schon von ihm. Und Klose, ja, Klose, der kann’s auch nicht immer alleine reißen.
Oh, und der Ballack. Der Ballack wurde ja von den Werder-Fans aufs übelste beschimpft. Ich möchte hier jetzt keine genauen Worte wiedergeben, aber jugendfrei war’s nicht. Allerdings ist Fußball ja ein Männersport. Da muss man sowas abkönnen. Und £135.000 pro Woche sind ja auch ein schönes Schmerzensgeld.
Tja, irgendwann war das Spiel dann ja auch zu Ende. Und alle gingen nach Hause. Alle, bis auf die Werderfans. Die mussten noch ein wenig im Stadion bleiben. Und haben die Zeit genutzt, noch einmal ordentlich zu feiern. Der Name eines jeden Spielers wurde laut und im Chor gebrüllt, bis die Mannschaft schließlich noch in die Fankurve kam. So wurden die traurigen Gesichter zumindest ein wenig aufgehellt.
Nach ein paar kurzen Minuten ging die Mannschaft dann auch in die Kabine, so dass man auf »Wir wollen den Trainer sehen!« umschwenkte, was den Thomas dann letztlich auch dazu bewog, sich ein wenig in Richtung Fankurve zu bewegen, wo man ihn, genau wie die Mannschaft, aus voller Kehle aufmunterte.
Dann haben die uns immer noch nicht raus gelassen, die Ordner. Haben sich einfach auf den Boden gehockt. Oder sich unterhalten. Oder einfach nur dumm herum gestanden. So sangen wir dann weiter. Dass wir die Mannschaft gerne noch ein mal sehen würde. Was dann auch erhört wurde; sie kamen zum Auslaufen zurück ins Stadion und schließlich noch mal in die Kurve, wo sie sich brav hinsetzten und bei der Welle zuschauten.
Die englischen Ordner haben das alles nicht begriffen. In Chelsea scheint’s wohl normal keine richtigen Fans zu geben. Traurig, sowas.
1 Ich ziehe bald vielleicht für ein Wochenende in eine christliche Jungs-WG ein, um eine christliche Mädchen-WG zu besuchen. Da muss ich mich bestimmt beherrschen. Also übe ich lieber schon einmal. Man kommt ja langsam in das Alter.
Ich empfehle einfach mal, sich Behindertenparkplatz anzuschauen, das Blog einer in London lebenden, deutschen Rollstuhlfahrerin. Weiterhin wäre da noch das Alzheimer-Blog, wo mal aus der Sicht einer Betroffenen geschrieben wird. (Da schlägt mein Zivildienst im Altersheim voll durch.) Und schließlich, um ein wenig beim Thema zu bleiben: The Life of Riley, wo eine 107-jährige Australierin über ihr Leben erzählt.
Reisetagebuch Kopenhagen 2005, Reisetagebuch London 2004
»Ich denke, wir stimmen alle darin überein, dass die Vergangenheit vorüber ist.«
George W. Bush
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© 1999 bis in alle Ewigkeit die nächsten 50 Jahre: Julian Stahnke
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