Julian Stahnke

23 Jahre/FH Potsdam/Interfacedesign


nach dem Abendbrot
am Mittwoch, 15. August 2007

Chronologie einer Wohnungssuche I

Geschrieben in London
ohne Kommentare

Finsbury Park · Mai 2007

Steven Horgan hat sein Studium (Japanisch und Chinesisch) beendet und sich für eine Offizierslaufbahn als Hubschrauberpilot in der Royal Airforce beworben. Da sich dieses Verfahren lange hinzieht, braucht er in der Zwischenzeit einen Job. Also fängt er bei Foxtons, einer Wohnungsmakleragentur1, an.

Shoreditch · Anfang Juni 2007

Johan Oskarsson hört von seinem Mitbewohner, dass dieser bald ausziehen will. Da auch seine andere Mitbewohnerin nicht mehr lange dableiben wird, überlegt er sich, langsam nach einer neuen Wohnung Ausschau zu halten.

Bethnal Green · Mitte Juni 2007

Richard Jones, Russ Garrett und Christian Muehlhaueser bemerken, dass ihr Mietvertrag im September ausläuft. Sie werden ihn nicht verlängern, da sowohl Richard als auch Russ mit ihren jeweiligen Besseren Hälften zusammen ziehen wollen. Christian Muehlhaeuser braucht also eine neue Wohnung.

Hoxton · Ende Juni 2007

Johan Oskarsson und Christian Muehlhaeuser, die beide zufällig bei der selben Firma arbeiten, kommen zu dem Entschluss, zusammen eine Wohnung zu suchen.

Bethnal Green · Juli 2007

Jesse Sabatier wird mit seinem Architekturstudium fertig. Er zieht um. Seine Mitbewohner müssen also entweder die Wohnung alleine mieten und neue Mitbewohner suchen, oder ebenfalls umziehen.

Prince Arthur, Bache’s Street, Hoxton · 3. Juli 2007

Julian Stahnke trinkt ein Beck’s im Prince Arthur. Johan Oskarsson und Christian Muehlhaeuser sind auch dabei. Man springt von Gesprächsthema zu Gesprächsthema, hauptsächlich geht es ums iPhone. Irgendwann kommt heraus, dass alle drei eine neue Wohnung brauchen. Man beschließt, sich zusammen auf die Suche zu machen.

Tower Hamlets · 12. Juli 2007, früher Nachmittag

Die drei Wohnungssuchenden haben sich den Nachmittag frei genommen, um von Wohnungsmakler2 zu Wohnungsmakler3 zu ziehen und sich nach schönen Wohnungen zu erkundigen.

Bethnal Green Road, Kreuzung Hackney Road · 12. Juli 2007, später Nachmittag

Die Gruppe der Heimatvertriebenen zeigt erste Verschleißerscheinungen. Gang nicht mehr ganz so flüssig, Kopf ein wenig hängend. Man hat jeden Wohnungsmakler im Umkreis von zwei Meilen abgeklappert und trotzdem keine Wohnungen gesehen. Außer drei Terminen am Wochenende ist nicht viel herausgesprungen. Ernüchterung macht sich breit. Man beschließt, noch einmal zum Anfang zurück zu gehen und zu schauen, ob man nicht noch einen Makler übersehen hat.

Commercial Street · 12. Juli 2007, früher Abend

Das mittlerweile arg erschöpfte Grüppchen der Wohnungssuchenden erreicht eine Filiale von Foxtons. Dort erwartet sie ein klimatisiertes Paradies aus riesigen Fernsehern, bequemen Sesseln und kühlen Getränken. Irgendwann kommt Steven Horgan und fragt sie erst mal über ihre Wünsche und Vorstellungen aus.

Schließlich fährt er sie zu zwei Wohnungen; einer großen, ganz neu gebauten, teuren Wohnung und einem noch größeren, nicht ganz neuen und noch teureren Haus. Das Haus sagt den Jungs nicht so zu, von der ersteren Wohnung im dritten Stock eines Neubaus sind sie hingegen ganz und gar angetan. Wenn nur die Miete nicht so teuer wäre.

Nach den Besichtigungen flüstert der Wohnungsmakler dem Grüppchen, dass sie sich ein wenig beeilen sollten, weil sonst noch mehr Interessenten kämen und das den Preis in die Höhe treiben würde. Aber da die drei ja noch nicht viele Wohnungen gesehen haben, geben sie sich zuerst einmal abwartend.

Hoxton · 13. Juli 2007, morgens

Steven Horgan ruft mehrmals bei Johan Oskarsson an. Er erkundigt sich, wie die Wohnung gefiele und ob man sie denn haben wollte. Johan Oskarsson erklärt ihm, dass das Grüppchen bisher erst zwei Wohnungen gesehen hat und sich daher kein Urteil erlauben könne.

Überall und nirgendwo · 13. und 14. Juli 2007

Die Zeit verschwimmt. Man schaut sich Wohnungen an und weiß kaum mehr, wo man sich befindet, wie spät es ist oder ob man besser ein T-Shirt oder eine Strickjacke anziehen sollte.

Das Grüppchen der Wohnungssuchenden befindet sich mittlerweile recht weit im Osten Londons und schaut sich in einer Wohnung um, die unter dem Namen »Lake View« angepriesen wurde. Sie befindet sich im 10. Stock eines heruntergekommenen Hochhauses. Der See ist in Wirklichkeit der Regent’s Canal, der sich irgendwo in der Nähe des Hochhauses entlangschlängelt. Das einzig Gute an der Wohnung ist die Aussicht – zumindest theoretisch, wenn nur die Gegend, auf die man blickt, nicht ganz so heruntergekommen wäre.

Des Weiteren schaut sich Julian Stahnke ganz alleine drei Wohnungen an, die sich alle als unbegehrenswert charakterisieren ließen. In einer der drei wohnt – und das ist das einzig Nennenswerte – eine junge Dame, die ein wenig wie Charlotte Gainsbourg ausschaute. Sie war allerdings gerade dabei, aus der Wohnung auszuziehen und daher kein Grund, sich das alles noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen.

In der anderen Wohnung gab es Zimmer zu viel. Da Platz dafür wurde vom nicht existierenden Badezimmer abgezweigt, das stattdessen in zwei einzelne Räume aufgeteilt war: eine Miniaturdusche ohne Waschbecken und eine Miniaturtoilette mit Waschbecken.

Schließlich musste Johan Oskarsson zum Zahnarzt oder zum Kieferorthopäden oder zur Fußmassage. Christian Muehlhaeuser und Julian Stahnke schauten sich also noch zwei Wohnungen alleine an. Dabei stellte sich heraus, das Johan Oskarsson absolut nichts verpasst hatte.

Roman Road · 14. Juli 2007, abends

Während einer Guitar-Hero-Session in fast schon ehemaligen Wohnsitz Christian Muehlhaeusers berät die Gruppe der Wohnungssuchenden ihre Situation. Die erste, von Steven Horgan gezeigte Wohnung wird einstimmig zur besten gekührt. Man überlegt sich, wie das Angebot aussehen solle und was man fordern sollte. Sofas, Rollos, eine Waschmaschine, eine zweite Dusche?

Zur Fortsetzung geht’s hier: Chronologie einer Wohnungssuche II.

1 Ich entschuldige mich für dich schlechte Übersetzung des englischen estate agent. Mir fiel nichts besseres ein.

2 Siehe Fußnote 1.

3 Siehe Fußnote 2.




Anderswo zu empfehlen

Ich empfehle einfach mal, sich Behindertenparkplatz anzuschauen, das Blog einer in London lebenden, deutschen Rollstuhlfahrerin. Weiterhin wäre da noch das Alzheimer-Blog, wo mal aus der Sicht einer Betroffenen geschrieben wird. (Da schlägt mein Zivildienst im Altersheim voll durch.) Und schließlich, um ein wenig beim Thema zu bleiben: The Life of Riley, wo eine 107-jährige Australierin über ihr Leben erzählt.

Reisetagebücher

Reisetagebuch Kopenhagen 2005, Reisetagebuch London 2004

Das zufällige Zitat

»Wenn so Essen aussieht, wie schaut dann Kotzen aus?«

Hagen Rether, »… aus Liebe«

Die Information, die so wichtig ist, dass sie ganz unten steht

Diese Seite ist eine komplett private Veranstaltung. Es wimmelt hier also nur so von Dingen wie Schleichwerbung, Vitamin B und unsinnigen, parallelgesellschaftlichen Witzen. Dazu gibt es je ein tolles, zufallsgeneriertes Zitat.

© 1999 bis in alle Ewigkeit die nächsten 50 Jahre: Julian Stahnke

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