Julian Stahnke

23 Jahre/FH Potsdam/Interfacedesign


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am Freitag, 10. Oktober 2008

Durch die Küche geschwoft

Geschrieben in London
ohne Kommentare

Diesen Text habe ich ursprünglich 2006 geschrieben, aus irgendwelchen Gründen aber bisher nicht veröffentlicht.

Dies ist die Geschichte, wie ich, vormaliger Bewohner des Hotel Mama, Auswärtsesser par excellence, erster Nutella-Abhängiger der Weltgeschichte, das erste Mal ganz alleine gekocht habe. Und zu welchen Gedanken das führte.

Ein ganzes Gericht habe ich selber gekocht. Für vier Personen. Penne mit selbst gemachter Tomatensoße. Obwohl ich’s doch lieber erst im Kleinen, nur für mich alleine, ausprobieren wollte.

Nachdem mich eine Vegetarierin immer behakt hatte, dass ich doch mal selber kochen solle. Weil das doch gesund wäre. Und Geld, so ein weiteres ihrer zahlreichen Argumente, spare man auch. Kein schlechtes Argument, für einen Praktikanten, der ich damals noch war.

Nachdem ich mit einer Kanadierin darüber gestritten hatte, ob der norddeutsche Kartoffelsalat besser sei als das süddeutsche Öl-Kartoffel-Gepansche.

Nachdem ein kanadischer Kollege einen flammenden Appell an meinen Magen gehalten hatte, mir das Kochen mit einer Leidenschaft darlegte, die schon fast unheimlich war. Als er beschrieb, wie schön rot die Tomaten wären, wie wohlig das alles duften würde, wenn das Gemisch in der Pfanne vor sich hin brutzelt. Und wie man dazu gefälligst Nina Simone auflegen solle.

Als mir dann am nächsten Abend, nach einer unbequemen Wahrheit auf der Leinwand – inklusive eines Al Gore mit Essensresten im Mund –, einem Beck’s im Magen und einer klar illegalen Busfahrt bereits erwähnte Kanadierin detailgenau erklärte, dass ich die Pilze exakt dann in die Pfanne geben müsse, wenn die Zwiebeln gerade glasig wären. Und dass das auch der richtige Moment wäre, die Nudeln in das just in dem Augenblick siedende Wasser zu tun. Als sie mir sagte, dass ich einfach anrufen sollte, falls es brenzlig würde. Da wusste ich; Julian, es gibt keine Ausreden mehr. Deine Stunde hat geschlagen. Die Eieruhr ist abgelaufen.

Später in der Nacht erzählte ich dann meinen Mitbewohnern auch noch großspurig, dass ich am Samstag kochen würde. Pasta, mit irgendwas. Das war dann die letzte Nudel in meinem Sarg. Ab dann hing mein Leben an einem halb garen Spaghetti. Die Angst vorm Kochen trieb mir die Tomatensoße in die Augen. Ich konnte kaum noch sprechen, hatte Fleischklöße im Hals. All meine Gedanken – sonst klar wie Kloßbrühe – handelten nur noch vom Essen. Verwirrt von der ungewohnten Aufgabe träumte ich von übelsten, auf Nahrungsmittel umgemünzte Redewendungen. Sollte ich am nächsten Tag vor meinen Schöpfer, das große fliegende Spaghettimonster, treten müssen – gestorben an, beispielsweise, einer Überdosis Knoblauch?

Denn es ist so eine Sache mit dem Knoblauch. Jeder sagt Sätze wie »Mach das mal mit ein wenig Knoblauch« oder »Und dann noch ein wenig Knoblauch«. Aber keiner sagt einem, was genau man mit dem Knoblauch eigentlich machen soll.

Ich hatte auf dem Markt drei große Knoblauch gekauft, weil ich das ganze aus der Entfernung erst für Zwiebeln hielt. Später, zu Hause, bemerkte ich dann meinen Missgriff. Aber was soll’s. Erstes Mal und so. Und zur Not kann man ja immer mal Baguette mit Knoblauchbutter machen.

In meinem Kopf hallte des Kanadiers Satz »Und dann den Knoblauch in die Pfanne«, nach. Schön, ich hatte also dieses Ding in der Hand. Doch was sollte ich nun damit machen? Unintuitiv war da das erste Wort, das mir dazu in den Sinn kam. Ich beschloss also, ihn erst einmal zu waschen. Dabei würde sich dann schon irgendwas ergeben.

Nach dem Knoblauch wusch ich dann voller Verzweiflung die Paprika. Und die Tomaten. Danach beschaute ich mir noch mal den Knoblauch. Nur um dann doch lieber die Paprika zu schneiden. Und die Tomaten. Und schließlich auch die Zwiebeln, wobei ich ein kleines Bisschen weinen musste.

Nachdem ich Öl, Salz, Bratpfanne, Töpfe, Wasser, Pfeffer und was man sonst noch alles braucht, beisammen hatte, widmete ich mich wieder dem Knoblauch. Vorsichtig betastete ich ihn von allen Seiten, probierte verschiedene Winkel aus, um ihn mit dem Messer einzuschneiden – doch so recht traute ich mich nicht. Also schnitt ich zuerst mal den haarigen Knorpel am unteren Ende ab – von da an entblätterte sich der Knoblauch beinahe von selbst und gab mehrere kleine Knoblauchteilchen frei.

Nun stand ich allerdings vor einem neuen Problem: Was stellt man mit den kleinen Knoblauchteilchen an? Aus Fehlern schlau geworden, fing ich mit dem für mich mittlerweile offensichtlichsten an; Haut abziehen.

Schnell hatte ich also mehrere kleine Knoblauchteilchen auf einem Teller liegen. Was nun? Zerhackt man sie? Zerreibt man sie? Tut man sie ganz in die Pfanne? Ich konnte mich noch ganz düster daran erinnern, dass man sie auch pressen könnte.

Zwischen all den Möglichkeiten hin- und hergerissen beschloss ich, das ganze zuerst einmal auf dem Teller liegen zu lassen. Also machte ich mich daran, die Pfanne auf den Herd zu stellen und Öl hinein zu gießen. Dann nahm ich sie wieder vom Herd herunter, weil ich in der ganzen Aufregung völlig vergessen hatte, dass wir bloß in unserer heruntergekommen Butze bloß einen alten einen Gasherd haben. Ich genoss also einen kurzen Moment kleinkindlicher Freude, als ich mit einem Feuerzeug bewaffnet am Herd herumzündeln konnte. Danach stellte ich die Pfanne dann auf die Flamme und wartete. Nach kurzer Zeit fing die Chose wirklich an, ernsthaft heiß zu werden. Die Zeit für Zwiebeln war gekommen.

Ganz lässig und leger füllte ich nebenbei noch einen weiteren Topf mit Wasser, damit ich später darin die Nudeln kochen konnte. Ich begann, ein wenig aufzutauen und gab die Soße in einen dritten Topf. An dieser Stelle fühlte ich mich richtig gut. Wie ich so, abwechselnd mit Töpfen, schweren Gläsern oder frischem Gemüse durch die Küche schwofte – das hatte schon was.

★ ★ ★

Ich kann mir das gut fürs Alter vorstellen. Als etwas betagter, aber immer noch vitaler Großvater morgens mit seinen Enkelkindern auf dem Schoß die Zeitung lesen. Allerdings nur Sport und Blick in die Welt. Vorher jedoch noch den Kulturteil – auch um die Enkel zu ärgern. »Ach Opi, wir wollen wissen, wie Werder gespielt hat, mach mal hinne, lies schneller!« Man sieht, auch in der Zukunft hat die Jugend keinen Respekt mehr vor dem Alter. Das ist auch der Grund, warum sie am vorigen Abend nicht Fußball gucken durften, sondern schon um sechs auf ihr Zimmer mussten. »Gleich, ihr verzogenen Kackbratzen, der Opa muss erst schauen, wohin er seine Haushälterin ausführen kann, wenn die Oma übers Wochenende auf Kur ist. Aber pssst, ja kein Wort! Sonst gibt’s keine Werthers Echten mehr.«

Danach dann ein wenig die Enkel den Rasen mähen lassen, während Opa die Blumen düngt und Oma scheinbar fröhlich vor sich hin pfeifend etwas wie »Dick und fett und arbeitslos, der Alte!« oder »Boah! Boah! Ist der lahmarschig geworden! Boah!« murmelt. Das alles stilsicher mit einem sizilianischen Strohhut auf dem Kopf und einer braunen, ausgewaschenen Latzhose aus Cord. Mit durchgescheuerten und ausgebeulten Knien, versteht sich.

Schließlich radle ich mit den Lümmeln zum Markt im Dorf, wo frisches Gemüse gekauft wird. Ich gehe allerdings nicht einfach so zur Gemüsefrau und grantle »Zehn Tomaten bitte, heute mache ich einen drauf!«, sondern nehme jede Tomate einzeln in die Hand, um sie in die Spätsommersonne zu halten und auf Stellen zu untersuchen. Dabei drücke ich sie auch ganz leicht zwischen Daumen und Zeigefinger, um die Elastizität zu prüfen. Irgendwann kommt mir eine Wolke dazwischen und es geht weiter zu den Pilzen, wo ich ähnlich verfahre. Zusätzlich führe ich mir ein paar Pilze stichprobenartig unter die Nase und schnüffele dran, wobei ich aufgrund der vielen Haare in meiner alten Nase ein komisches Geräusch von mir gebe, was seitens der Enkel mit leicht angewiderten Blicken quittiert wird. Ich habe den Eindruck, sie schämten sich manchmal ein wenig wegen ihres Großvaters.

Nach diesem langwierigen Verfahren wandert die Sippe dann weiter zum Süßwarenladen, den sie Glocken läutend betritt. Sofort weiten sich die Nasenlöcher der Enkel und saugen begierig die Düfte und Gerüche ein, während sie im Halbdunkel des Ladens über quietschende Holzdielen von einer Leckerei zur nächsten huschen. Als die kleinen Rotznasen schon im Laden anfangen, zu naschen, geben sie ebenfalls komische Geräusche von sich. Aber Opa kann trotz seines Alters noch gut austeilen – damit hatten sie nicht gerechnet! Am Ende sind alle erschöpft und erleichtert – die Enkel, der Opa, des Opas Portmonaie. So radelt die Familie wieder nach Hause.

Dort beginne ich dann mit den Vorbereitungen. Zuallererst wird die Omi aus der Küche vertrieben, wo sie immer am Kühlschrank herumlungert. Danach wasche und schneide ich Tomaten, Zwiebeln, Pilze, Gurken und Anschovis – obwohl ich die gar nicht mag. Oma hat allerdings eine Schwäche dafür und würde sofort aufhören, Opas zahlreiche Affären mit der Haushälterin, der Sprechstundenhilfe des Arztes im Nachbardorf und der Frau von der Kegelbahn zu tolerieren, wenn ich sie wegließe. Liebe geht halt durch den Magen. Besonders in diesem hohen Alter.

Während die Enkel draußen fangen spielen und Opa mit allerlei Gedöns durch die Küche schwoft, schaut Oma ihm durch einen kleinen Spalt der offnen Küchentüre zu. Wie wunderhübsch der Opa doch mit seinen nicht mehr ganz steten, aber immer noch wohl gepflegten Händen den Knoblauch auseinander pult. Er wirkt fast ein wenig distinguiert dabei.

An dieser Stelle verlassen wir die Zukunft. Schließlich ist es genau dieser Moment, für den ich mein Leben zu leben gedenke. Alles andere – der Krach wegen der Affäre mit der Schwester der Dorfschullehrerin, der ständige Kampf um die Fernbedienung und die ewige Rechthaberei bezüglich der Grammatik in den Briefen an die Kinder – verblüht völlig im Glanze dieses einen Augenblickes. Oder wie sagt man noch so schön; »Essen ist der Sex des Alters«.




Anderswo zu empfehlen

Ich empfehle einfach mal, sich Behindertenparkplatz anzuschauen, das Blog einer in London lebenden, deutschen Rollstuhlfahrerin. Weiterhin wäre da noch das Alzheimer-Blog, wo mal aus der Sicht einer Betroffenen geschrieben wird. (Da schlägt mein Zivildienst im Altersheim voll durch.) Und schließlich, um ein wenig beim Thema zu bleiben: The Life of Riley, wo eine 107-jährige Australierin über ihr Leben erzählt.

Reisetagebücher

Reisetagebuch Kopenhagen 2005, Reisetagebuch London 2004

Das zufällige Zitat

»Sowie Gott in Paris eine schöne Frau entstehen lässt, schickt der Teufel als Antwort einen Narren, der sie aushält.«

Jules Barbey d'Aurevilly, »Les diaboliques«

Die Information, die so wichtig ist, dass sie ganz unten steht

Diese Seite ist eine komplett private Veranstaltung. Es wimmelt hier also nur so von Dingen wie Schleichwerbung, Vitamin B und unsinnigen, parallelgesellschaftlichen Witzen. Dazu gibt es je ein tolles, zufallsgeneriertes Zitat.

© 1999 bis in alle Ewigkeit die nächsten 50 Jahre: Julian Stahnke

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