Julian Stahnke

23 Jahre/FH Potsdam/Interfacedesign


zur »Julian! Geh ins Bett!«-Zeit
am Montag, 19. Februar 2007

Gesundheit

Geschrieben in London
1 Kommentar

Bonjour, meine sehr verehrten Damen und Herren und willkommen zum zweiten Teil meiner selbstlosen Serie, die sich ausschließlich mit mir befasst.

In Punkt 1 besprach ich ja die Besucher, die sich bei meiner Wenigkeit die Ehre gaben. Punkt 2 kehrt das ganze nun um und stellt mich in einer ungewohnten Rolle, der eines Besuchers und hilflosen Patienten, vor.

Punkt 2: Ärzte

Als ich nach London aufbrach, gab es drei Dinge, die ich schnellstmöglich erledigen wollte: Ein Bankkonto eröffnen, eine Karte fürs Handy kaufen und mich krankenversichern.

Die Karte fürs Handy habe ich nach drei Monaten von Kollegen geschenkt bekommen. Sie konnten es nicht mehr ertragen, mich ständig auf meiner deutschen Handynummer anrufen zu müssen.

Das Bankkonto habe ich am 20. November eröffnet, nachdem ich die ersten fünf oder sechs Gehälter in bar ausgezahlt bekommen habe – wobei ich mir jedes Mal ein wenig wie Onkel Dagobert vorkam. Nur nicht ganz so opulent. Wobei ich mittlerweile sogar zwei Konten habe. Was die Gesamtzahl meiner Konten in solch Schwindel erregende Höhen treibt, dass ich schon die PINs vergesse.

Aber das mit der Krankenversicherung, dabei habe ich ein wenig getrödelt.

Es war indes auch nicht gerade einfach. Man braucht einen Adressnachweis. Und Zeit. Und muss ein Formular ausfüllen. Und einen Termin machen. Und naja, das mit dem Adressnachweis, das ist recht kompliziert.

Wie alles begann

Das erste Mal ging ich, glaube ich, im September zum Arzt. Nicht etwa, weil ich krank war. Nein, vielmehr wolle ich mich nur beim NHS anmelden. Nur so für den Fall. Ich bekam also ein Formular und die Aufforderung, irgendwann in der folgenden Woche wieder zu kommen. Irgendwann? »Wie sind die hier denn drauf«, habe ich mir da gedacht. Dazu die vielen Felder des Formulars sowie eine Prise Prokrastination und der Entschluss war gefasst; »Nee, erstmal das Bankkonto!«

Was ja, wie der aufmerksame Leser sicherlich wissen wird, einiges an Zeit in Anspruch nahm.

Der zweite Versuch

Beim zweiten Mal war ich dann, auch weil meine Krankenversicherung in Deutschland langsam aber sich auslief, entschlossener. Mit zu Strichen gepressten Lippen und vorgestreckten Kinn preschte ich zum Arzt, um mir ein weiteres Formular abzuholen. Dieses Mal bekam ich sogar einen richtigen Termin und wurde nach Name, Geburtsdatum und dergleichen gefragt.

Kaum zu Hause, füllte ich das Formular nach besten Wissen und Gewissen aus und legte es an einen Platz, an dem ich es garantiert wieder finden würde. Was dann eine Woche später auch klappte. Ich machte mich mit dem Formular, meinen Ausweis, einem deutschen Kontoauszug als Adressnachweis und zittrigen Knien auf zum Arzt.

Dort musste ich dann erstmal warten, bis mein Name auf einem LED-Laufband erschien. Angekündigt wurde er des weiteren von einem Ton, der mich zuerst an einen Luftangriff denken lies.

Im Behandlungszimmer war ich dann sehr nervös, war mir beim Blutdruckmessen zum Verhängnis wurde. Die Ärztin entschied, das mein Blutdruck entschieden zu hoch für mein Alter sei. Sie fragte mich, ob ich rauchte (nein), Drogen nehme (nein) und wie viele Einheiten Alkohol (vier) ich so pro Woche zu mir nehme. An ihren Gesichtsausdruck, der sich von Antwort zu Antwort verdüsterte, konnte ich erkennen, dass sie mir meine Aussagen nicht abnahm.

So wurde ich dann schließlich dazu beordert, drei Wochen lang weniger fettes und salziges Essen zu essen und dann wieder zu kommen.

Aller guten Dinge

Gesagt, getan. Ich kam wieder. Mein Blutdruck hatte sich enorm gesteigert. (Ins Positive.) Besonders beeindruckt war die Ärztin davon nicht. So hieß es für mich also auf zum Bluttest. Die Ärztin füllte ein paar bunte Zettel aus, die sie mir mit dem Tipp, das alles möglichst früh – so gegen sieben Uhr morgens – zu machen.

So nahm ich mir dann die nächsten zwei Wochen lang tagtäglich vor, ab 12 Uhr mittags nichts mehr zu essen (was mir auch drei Mal gelang) und am nächsten Morgen um 5.55 Uhr aufzustehen (was jedes Mal kläglichst fehl schlug). An einem Freitag klappte dann jedoch alles mehr oder weniger und ich fand mich, noch im Dunkeln und zu unchristlichsten Zeiten, im Bus Richtung Whitechapel wieder.

Fangfragen im Behandlungszimmer

Der Bluttest fand in einem Krankenhaus statt. Im Royal London Hospital statt. Oder besser gesagt, in einem kleinen Anbau daneben, den ich nach einem kleinen Umweg durch die Notaufnahme und einen Aufenthaltsraum für Pfleger dann auch fand. Dort musste ich ein weiteres Formular mit meinen wunderschönen Blockbuchstaben verzieren und wurde letztlich von einem Krankenpfleger in ein kleines Zimmer geführt.

In diesem kleinen Zimmer fragte mich besagter Krankenpfleger, ob ich Probleme mit ihm hätte und einverstanden sei, wenn er mich behandelten würde. Ich bejahte dies selbstverständlich, schließlich war es nur ein Bluttest, was kann da schon schief gehen? So schaute er sich dann meinen Namen an (»Haha! Deutsch?!« – »Ja!« – »Dann haben wir ja gemeinsame Vorfahren, ich komme aus dem Iran!« – »Huh1?!«) und wollte dann wissen, wann ich das letzte Mal etwas gegessen hätte (am vorigen Mittag). Er fragte dies allerdings nicht einfach gerade heraus, sondern per Fangfrage »Und? Schon schön gefrühstückt?«), was mich ein wenig einschüchterte und alle weiteren Unterhaltungen im Keim erstickte.

Am Ende hatte ich dann, bleich und müde, aber glücklich, Blut verloren und den Kampf gegen die Schlafmütze in mir gewonnen. Zudem kam ich endlich mal vor zehn ins Büro.

Eine Sache noch

Zum Schluss möchte ich noch drauf hinweisen, dass die in England nicht diese kleinen Plastikkärtchen haben, wie wir sie in Deutschland kennen. Da ist das erste, wonach gefragt wird, der Name des Patienten. Nicht die Krankenkassenkarte.

Außerdem ist man hier automatisch versichert, wenn man Europäer ist. Egal ob man einen Job hat oder nicht. Jedenfalls so, wie ich das verstanden habe.

Und wenn jemand Horrorgeschichten übers englische Krankenkassensystem hören möchte; wendet euch an Muz«. Der kann euch da einiges erzählen, wenn seine Schulter nicht gerade weh tut.

1 Alles schön übersetzt, er hat natürlich englisch gesprochen.




Kommentare

  1. Julian am Dienstag, 20. März 2007

Anderswo zu empfehlen

Ich empfehle einfach mal, sich Behindertenparkplatz anzuschauen, das Blog einer in London lebenden, deutschen Rollstuhlfahrerin. Weiterhin wäre da noch das Alzheimer-Blog, wo mal aus der Sicht einer Betroffenen geschrieben wird. (Da schlägt mein Zivildienst im Altersheim voll durch.) Und schließlich, um ein wenig beim Thema zu bleiben: The Life of Riley, wo eine 107-jährige Australierin über ihr Leben erzählt.

Reisetagebücher

Reisetagebuch Kopenhagen 2005, Reisetagebuch London 2004

Das zufällige Zitat

»Wilhelmshaven – drei Seiten Wasser, eine Seite Armut.«

Zustandsbeschreibung

Die Information, die so wichtig ist, dass sie ganz unten steht

Diese Seite ist eine komplett private Veranstaltung. Es wimmelt hier also nur so von Dingen wie Schleichwerbung, Vitamin B und unsinnigen, parallelgesellschaftlichen Witzen. Dazu gibt es je ein tolles, zufallsgeneriertes Zitat.

© 1999 bis in alle Ewigkeit die nächsten 50 Jahre: Julian Stahnke

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