23 Jahre/FH Potsdam/Interfacedesign
Mittlerweile ist es Wochenende. Samstag Abend, 22.02 Uhr. Ich sitze am Fenster und schaue hinaus auf eine Art Hinterhof. Direkt gegenüber ist ein Studio, in dem künstlerisch begabte Leute arbeiten. Oder so.
Vorhin zum Beispiel konnte ich einen jungen Mann(?) beobachten, der die kleine Treppe zur Haustür hochstieg und dann klopfte. Als niemand aufmachte, telefonierte er ziemlich laut und auch ein bisschen ungehalten mit irgendwem. Als er das dann mit einem wohl befriedigenden Ergebnis getan hatte, kramte er ein wenig in einer Tasche, die er mitgebracht hatte. Er holte etwas kleines raus; ich dachte erst, es sei eine dieser Zigaretten zum selber Drehen. Doch nein, es war Schminke. Dieser Junge begann da mitten auf der Hinterhofstreppe, sich zu schminken. Ganz weiß, das Gesicht.
Das war vor zwei Stunden. Mittlerweile hat er sich auch noch ein lustiges, golden beglitzertes Kostümchen angezogen und tanzt sehr artistisch durch den Raum. Und dann ist da noch einer im gestreiften Kostüm. Entweder ein Matrosenanzug oder eine Panzerknackerkluft.
In der Zwischenzeit habe ich Chicken Run angeschaut. Grandiose Entscheidung damals, mir einen DVB-T-Receiver zu kaufen, so kann ich sogar hier Fernsehen gucken. »Aber du findest doch, dass im Fernsehen nur Schrott kommt!«, meinen jetzt vielleicht einige einwerfen zu müssen. Mag ja sein. Aber hier kommen, während drüben die ersten Joints gedreht werden, keine schlechten Filme. Und da ich heute sehr erschöpft war, gibt’s also eine lange Filmnacht. Mit den letzten Resten der gebrannten Erdnüsse, die ich aus dem guten alten Bremen mitgebracht habe.
Leider hat’s hier immer noch kein Internet. Und da der Arbeitstag gestern sehr lang war, konnte ich auch keine Fotos hochladen. Mal schauen, vielleicht schaffe ich es Anfang der Woche.
Aber zurück zur Arbeit. Gestern, am Freitag, habe ich vom 10 Uhr morgens bis 1.30 Uhr nachts gearbeitet. Meine Eltern werden jetzt sicherlich solch Wörter wie »Kindesmissbrauch!« oder »Praktikantenausbeutung!« schreien. Aber das ist schon okay.
Zuerst mal macht’s Spaß. Das liegt nicht nur daran, dass ich genau die Sachen machen kann, die vorher quasi mein Hobby waren. Sondern auch an den Leuten, die allesamt nett und lustig sind. Und mit mir Tischkicker spielen.
Dann sind die Arbeitsbedingungen auch nicht gerade schlecht. Das Büro (wenn ich es mal so nennen darf) ist nämlich sehr nahe am Hoxton Square gelegen, wo es viele schöne Restaurants und Bars gibt. So hatten wir gestern zum Mittag Curry bestellt und sind abends dann zum Essen ins »fressen« gegangen, um ein paar Sandwiches zu holen. Und danach dann noch kurz Bier holen. Einige haben auf meinen Rat sogar das gute Beck’s gewählt. Ich hingegen bin jetzt mehr auf dem Guinness-Trip. Wenn man das bei mir überhaupt Trip nennen kann. Bin ja mehr so der Wassertrinker. Aber auch über die gibt’s ja wilde Geschichten1.
Beschlossen wurde die Nacht dann mit einer Jam-Session. Da bei last.fm ja Leute arbeiten, die durchaus musikinteressiert sind, spielen naturgemäß auch viele von ihnen ein Instrument. Oder mehrere. Mit meinem »I used to play the flute!« konnte ich da nicht sonderlich Eindruck schinden ;)
Heute ist übrigens der erste schöne Tag seit … seit ich zum Vorstellungsgespräch hier war. Habe ich mir sagen lassen. Also bin ich heute Mittag früh aufgestanden, um mir ein paar Sachen für mein Zimmer zu besorgen. Eine Multi-Steckdose zum Beispiel, oder die obligatorische Kiste Wasser. Auch wenn’s mehr ein Sixpack ist.
Dann hat Jesse mir noch ein wenig die Gegend gezeigt. Den Broadway Market, zum Beispiel. Oder einen schnieken Park namens London Fields. Ist ja alles um die Ecke. Morgen geht’s dann zum Petticoat Lane Market und zu Fahrradmenschen, wo ich mir ein Pedal kaufen werde. Für das Fahrrad, das Jesse mir freundlicherweise zur Verfügung stellt.
Na, und wenn ich Zeit habe, gehe ich vielleicht auch noch zum berühmt-berüchtigten Sunday Up-Market, wo man wohl jeden Scheiß alles mögliche bekommt. Apropos Fluchen und Schimpfwörter; ich komme noch komplett ohne klar. Ich habe mir ja vorgenommen, solche Sachen wie »That looks like arse!« nicht zu sagen. Als ich mir dann nicht sicher war, ob ich diesen schlimmen Begriff richtig verstanden habe und nachfragte, musste ich dieses gemeine Wort allerdings trotzdem in den Mund nehmen und fragen »Wait! What?! ›Like arse‹?! ›Arse‹?! Like in ›bottom‹?!«, was dann mit viel Gelächter und der Antwort »Yeah! Arse! Like ›It looks like…well, arse?‹!« quittiert wurde.
So, gegenüber findet anscheinend eine Kostümparty statt. Oder eine Versammlung solcher Menschen, die Jonas bei seinem Projekt »Weird fuckers everywhere« ganz bestimmt nicht unterstützen würden. Aber das weiß keiner so genau.
Und mit dieser schönen Weisheit möchte ich diesen Eintrag dann auch schließen.
1 Na, das war jetzt aber mal ein Schenkelklopfer für alle Literaturfans und Lehrerkinder unter euch, gell?;)
Ich empfehle einfach mal, sich Behindertenparkplatz anzuschauen, das Blog einer in London lebenden, deutschen Rollstuhlfahrerin. Weiterhin wäre da noch das Alzheimer-Blog, wo mal aus der Sicht einer Betroffenen geschrieben wird. (Da schlägt mein Zivildienst im Altersheim voll durch.) Und schließlich, um ein wenig beim Thema zu bleiben: The Life of Riley, wo eine 107-jährige Australierin über ihr Leben erzählt.
Reisetagebuch Kopenhagen 2005, Reisetagebuch London 2004
»Nach dem Gesetz der Schwerkraft ist es leichter, den Mund zu öffnen, als ihn zu schließen.«
Volksweisheit
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© 1999 bis in alle Ewigkeit die nächsten 50 Jahre: Julian Stahnke
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