23 Jahre/FH Potsdam/Interfacedesign
Ich arbeite ja bei Last.fm. Last.fm ist ein sogenanntes web2.0 startup1. Nun starten diese Startups, wie sie augenscheinlich im Deutschen heißen, des öfteren in Garagen, Kellern oder Kaffeehäusern. Nach einiger Zeit haben sie entweder Erfolg oder nicht. Wenn sie keinen Erfolg haben, kommt irgendwann die Mutter und beschwert sich, dass ihr Sohn doch gefälligst mal sein Zimmer aufräumen sollte. Wenn sie Erfolg haben, dann wird es schnell eng und das Startup braucht ein größeres Büro.
Irgendwann wird dann auch das größere Büro zu klein und man zieht wieder um. Und so weiter und so fort. Bei Last.fm war es jetzt schon lange mal wieder an der Zeit, in ein größeres Büro zu ziehen, wurde der Lärm in letzter Zeit doch unerträglich. Viele behelfen sich da mit Kopfhörern und Musik. Ich musste allerdings feststellen, dass das nichts für mich ist. Wenn ich mich konzentrieren will, dann kann ich keine Musik in meinen Ohren gebrauchen, dann möchte ich Stille oder Vogelgezwitscher.
Nun war es sicherlich nicht ganz so schlimm, wie auf dem Bild dargestellt. Damals war im Büro kein Strom und wir durften mussten einen Tag lang im Diner arbeiten, was – besonders als dann auch noch das Essen kam – recht beengt zuging.
Allerdings war es fast so. Was am Anfang, mit 15 Leuten, noch als unfassbar groß und geräumig durchging, war am Ende, mit 50–70 Leuten nur noch produktivitätsmordend. Es gab keine Unterteilungen, alles war ein großer Raum mit ein paar Pfeilern und Regalen aufgeteilt. Man saß dicht gedrängt aneinander, links hat wurde das neue Justice-Album mitgesummt, rechts das Design für einen neuen Flyer besprochen. Irgendwann reicht’s auch.
Zum Glück ist die andere Firma auf unserer Etage ausgezogen. Super, konnten wir doch also schlagartig die Bürofläche verdoppeln. Vorher noch schnell ein wenig renovieren und ab geht’s. Leider hat man da jedoch die Rechnung ohne die Menschen gemacht, die im Vereinigten Königreich Bauarbeiter genannt werden. Ein aus zwei Subbegriffen zusammen gesetztes Wort: Bauen und Arbeiten. Beides nicht die Stärken oben genannter Menschen, so dass die ganze Renovierung ein wenig länger dauerte, als man das in Deutschland so gewohnt wäre.
Anfang letzter Woche sind sie dann aber doch fertig geworden. Nur war nach den ganzen Monaten immer noch nicht wirklich klar, wer denn nun eigentlich rüber geht. Während drüben also hunderte, gar tausende Quadratmeter seit Stunden ungenutzt brach lagen, saß ich weiter eingeklemmt zwischen Kopfhörer tragenden, Kopf nickenden Leuten, die eines der höchsten aller menschlichen Güter – die Konzentration2 – praktisch aus meinem arbeitenden Leben verbannten.
So besann ich mich auf meine deutschen Tugenden und packte meine Sachen, um einfach blitzartig auf eigene Faust eines der leeren Büros in Besitz zu nehmen. Da es mir bewusst war, dass es wahrscheinlich einige Zweifler und Kritiker geben würde, bastelte ich mir mit viel Mühe noch ein möglichst offiziell wirkendes Schild, um die ganze Angelegenheit zu legitimieren.
Nun habe ich also mein eigenes Büro. Man wird sehen, was daraus wird. Den neuesten und wohl auch endgültigen Plänen zu Folge wird genau dieser Raum ein Ruheraum. Nicht im Sinne von Schlafen, sondern im Sinne von »Da kann man hingehen, wenn man in Ruhe arbeiten will«. Wunderbar, da brauche ich das Schild dann gar nicht erst abnehmen.
Nur wenig nach mir kamen dann schon die ersten Mitleidenden eingetrudelt, um Zuflucht in dieser Oase der Ruhe zu suchen. Die Produktivität in den letzten Tagen liegt übrigens, wer hätte dies nicht gedacht, krass über dem bisherigen Durchschnitt.
Als Reaktion hierauf (so wie der Mauerfall eine direkte Reaktion auf Thomas Brussigs vergrößertes Genital war) werden nun nicht, wie ursprünglich anscheinend geplant, die ganzen Marketing- und Business-Development-Leute nach drüben gehen, sondern wir. Also all die Programmierer und Designer, die Leute, die auch wirklich arbeiten und wichtige Dinge zu erledigen haben und nicht nur telefonieren und reden und Stress machen.3
1 Sprich: wuäb-tuh-peunt-oh stahrjt-ab (mit norddeutsch-spitzem t).
2 Kommt knapp vor der Freiheit, aber weit hinter Crêpes, Milchshakes und Fußball. Wobei ich mir durchaus des Paradoxons bewusst bin; schließlich ist Konzentration erforderlich, um gute Crêpes zu machen. Da diese Liste allerdings keine allgemein gültige, sondern eine spezielle, auf mich zugeschnittene ist, lässt sich das ganz einfach erklären: Man muss Crêpes nicht selber machen, man kann sie auch von anderen kaufen.
3 An dieser Stelle erlaubte ich mir einfach einmal frei heraus, ein paar Klischees aufzufahren. Es mag jeder selbst entscheiden, ob sie stimmen oder nicht.
Ich empfehle einfach mal, sich Behindertenparkplatz anzuschauen, das Blog einer in London lebenden, deutschen Rollstuhlfahrerin. Weiterhin wäre da noch das Alzheimer-Blog, wo mal aus der Sicht einer Betroffenen geschrieben wird. (Da schlägt mein Zivildienst im Altersheim voll durch.) Und schließlich, um ein wenig beim Thema zu bleiben: The Life of Riley, wo eine 107-jährige Australierin über ihr Leben erzählt.
Reisetagebuch Kopenhagen 2005, Reisetagebuch London 2004
»Amerika hat uns niemals verziehen, dass Europa ein wenig früher entdeckt worden ist.«
Oscar Wilde
Diese Seite ist eine komplett private Veranstaltung. Es wimmelt hier also nur so von Dingen wie Schleichwerbung, Vitamin B und unsinnigen, parallelgesellschaftlichen Witzen. Dazu gibt es je ein tolles, zufallsgeneriertes Zitat.
© 1999 bis in alle Ewigkeit die nächsten 50 Jahre: Julian Stahnke
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