23 Jahre/FH Potsdam/Interfacedesign
Vor ein paar Wochen habe ich einen kurzen Ausflug ins Krankenhaus unternommen, um mich einer Operation zu unterziehen. Nichts wildes, nur eine Nacht im Krankenhaus und dann zwei Wochen zu Hause im Bett (und zwar wirklich den ganzen Tag im Bett). Das Krankenhaus allerdings war großartig. Da mein Arbeitgeber seinen Angestellten großzügiger Weise eine private Krankenversicherung spendierte, wurde ich in ein Privatkrankenhaus geschickt. (Das war mir, nach meinen bisherigen, zum Glück eher oberflächlichen, Erfahrungen mit den staatlichen Krankenhäusern auch sehr recht so.)
Als ich nach einer kurzen U-Bahn-Fahrt am Krankenhaus ankam, wurde ich als erstes von einer Dame begrüßt und in ihr Büro geboten. Dort nahm sie meine Daten auf – Geburtstag, Religion, nächste Verwandte im Todesfall und so weiter. Danach führte mich ein Portier in Anzug und Krawatte auf mein Zimmer, wobei er sogar mein Gepäck (halb leerer Rucksack) trug.
Mein Einzelzimmer – und das angrenzende Bad – waren großartig. Als ich mich zwischen den verschiedenen Arzt- und Krankenschwesterbesuchen umschaute, entdeckte ich einige Luxusgegenstände. So gab es tatsächlich einen Fernseher mit Pay-TV nur für mich – bloß brauchte ich dafür nichts zu bezahlen. Im Fernseher drin war eine Art Apple-TV-Verschnitt, mit dem ich mir verschiedenste Filme auf Abruf anschauen konnte. Wenn man den Film unterbrach, merkte sich das Gerät sogar, an welcher Stelle man war. Sehr schön, dass der vorige Bewohner des Zimmers Blades of Glory bis fast zum Ende geschaut hatte und das Zurückspulen genau so lange dauerte, bis eine Art Kellner kam, bei dem ich mir etwas zu Essen für nach der Operation bestellen konnte. Ich nahm ein Hühnchensandwich – wobei mich die Entscheidung zwischen normalen Brot und Ciabatta fast überforderte. Wahrscheinlich hätte ich sogar zwischendurch etwas essen können, denn direkt neben meinem Bett stand ein Kühlschrank. Ich kann allerdings nicht genau sagen, mit was er gefüllt war, da ich mich partout nicht traute, ihn zu öffnen. Man weiß ja nie, ob solche Sachen nicht doch etwas kosten. Ist ja am Ende doch alles Abzocke, in der Gesundheitsindustrie.
Gerade, als ich es endlich geschafft hatte, Blades of Glory ganz zurückzuspulen, kam die Schwester und schob mich in den Vorbereitungsraum für die Operation. Dort kam ich in den Genuss einer professionellen Narkose und schlief friedlich mit Abgasgeruch in der Nase und Bleigeschmack im Mund ein.
Die Operation selbst verlief dann ohne Komplikationen, wenn ich den Ärzten Glauben schenken darf. (Das ist ja auch wieder so ein Thema; »Halbgötter in weiß« – und ich als Atheist.)
Nach einem kleinen Schüttelanfall und einer etwas größeren Dosis Morphium kam ich dann nach dem Aufwachen wieder in mein Zimmer. Dort fragte mich eine Schwester, wie es mir ginge. Ich war anscheinend noch nicht wieder ganz bei Kräften, denn sie verstand mein »Wasser!« erst, als ich fast schrie. So kam es mir zumindest vor, und ich musste erstmal tief durchatmen. Nach ein paar Schlucken Wasser flutschte es jedoch schon viel besser. Ich fragte die Schwester – mit einem unfreiwilligen, aber nicht unwillkommenen – James-Steward-Nuscheln, wie es denn mit dem Telefonieren so aussähe. Dann führte ich ein langes Telefongespräch mit meinen Eltern, in dessen Verlauf ich sie erst beruhigte, um sie dann am Ende mit einer gewissen post-operativen Verwirrtheit wahrscheinlich wieder ein wenig zu beunruhigen. (So genau weiß ich das allerdings auch nicht mehr.)
Nachdem die völlige geistige Erschöpfung eingetreten war, versuchte ich, der körperlichen vorzubeugen. Ein leckeres Sandwich und eine Tasse Tee machten es mir auch sehr leicht. Nach dem Abendessen konnte ich dann ein zweites Mal an diesem Tag einschlafen, nun allerdings mit Hühnchen- statt Bleigeschmack im Mund.
Am nächsten Morgen gab es Frühstück, einen Arztbesuch, meine ersten Gehversuche und schließlich einen Verbandswechsel, dann durfte ich offiziell nach Hause. Nach einem Becher Pillen für den Weg machte ich mich dann auch auf die Socken, um ins Erdgeschoss des Krankenhauses zu gelangen, wo viele bunte Pillen auch mich warteten.
Kaum einen Tag vorher war ich den selben Weg noch mit Elan entlangmarschiert. Am Morgen danach gelangen mir nur Trippelschritte.Verschiedensten Leuten boten mir Krücken und sogar Rollstühle. Ich lehnte sie alle ab. So schaffte ich es, die 100 Meter zum Fahrstuhl in 9,74 Sekunden Minuten zu sprinten.
Nachdem sich die Fahrstuhltüren im Ergeschoss öffneten, bot sich mir ein Bild des Grauens: 15 Meter offener, ungedeckter Raum bis zur Medikamentenausgabe. Keine Mülleimer, keine Aschenbecher, nicht einmal eine künstliche Grünpflanze zum Festhalten. Mit all der Erfahrung eines Menschen, der Lawrence von Arabien, Alien und Knockin’ on Heaven’s Door gesehen hat, schaffte ich es mit letzter Kraft bis an mein Ziel. Dort bekam ich als Belohung eine riesige Papiertüte mit einer Menge bunter Pillen und der dazugehörigen Anleitung.
Meine Euphorie trug mich dann bis zur Rezeption. Hier ließ ich mir von der freundlich Dame ein Taxi bestellen, das mich schließlich bis vor meine Haustür brachte. Dort musste ich mich nur noch drei Stockwerke an Treppen hochkämpfen, bevor ich mich endlich aufs Sofa fallen lassen und mir eine den Heilungsprozess beschleunigende Mais-Salami-Pizza bestellen konnte.
Ich empfehle einfach mal, sich Behindertenparkplatz anzuschauen, das Blog einer in London lebenden, deutschen Rollstuhlfahrerin. Weiterhin wäre da noch das Alzheimer-Blog, wo mal aus der Sicht einer Betroffenen geschrieben wird. (Da schlägt mein Zivildienst im Altersheim voll durch.) Und schließlich, um ein wenig beim Thema zu bleiben: The Life of Riley, wo eine 107-jährige Australierin über ihr Leben erzählt.
Reisetagebuch Kopenhagen 2005, Reisetagebuch London 2004
»Am zuverlässigsten unterscheiden sich die einzelnen Fernsehprogramme noch durch den Wetterbericht.«
Woody Alen
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© 1999 bis in alle Ewigkeit die nächsten 50 Jahre: Julian Stahnke
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