Julian Stahnke · Reisetagebuch Kopenhagen

Hier schreiben Jonas und ich über unsere Erlebnisse in Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen. Wir sind dort sechs Tage, vom 14.10. bis zum 19.10.2005.

Mittwoch, 19. Oktober 2005

Verden

»Bøgernes Verden«, stand an einer Buchhandlung im Bahnhof, wie wir heute, am letzten Tag, bemerkten. Damit auch schon die Entwarnung; dies hier ist keine schlechte Coverversion von »Delmenhorst«. Diese Buchhandlung ist übrigens, um einmal die Werbetrommel zu rühren – es gibt dort überaus freundliches und zuvorkommendes Personal – auch im Internet zu finden.

Verden – das kommt einem, wenn man in Bremen wohnt, irgendwie bekannt vor. Für alle die, die nicht das Glück haben, hier zu wohnen: Verden ist ein kleines Kaff eine kleine Stadt ganz in der Nähe von Bremen. Quasi direkt vor den Toren. Teilweise sogar von einigen Toren bewohnt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wir beide saßen auf einer Bank, dieser Buchhandlung gegenüber. Links neben uns eine chinesisch wirkende Reisende, rechts eine dänische Mutter mit zwei Kindern. Die Chinesin hätte es wohl eher nicht gewusst. Sie brauchten wir gar nicht fragen, was »Verden« bedeutet.

Die Mutter war, wie gesagt, mit ihren beiden Kindern da. Wir überlegten (auf deutsch) sie zu fragen (auf englisch), doch mit unserem Mut war es nicht weit her. Also hat Julian gesagt »Tja. Dann frag ich halt direkt in der Buchhandlung.« Man sieht also, er gewinnt immer mehr an Selbstvertrauen. Tja, was soll man sagen – gesagt, getan.

Ich (Julian) schlenderte also – meine angeborene, deutsche Lässigkeit zur Schau stellend – federnden Schrittes zur Buchhandlung. Dort brauchte ich erst mal eine Weile, um die Verkäuferin ausfindig zu machen. Sie arbeitete gerade. Kann man eine arbeitende, unschuldige Frau fragen, was »Verden« bedeutet? Ja, ich denke, das darf man.

»Excuse me. May I ask you a question?«, war meine Frage. Man beachte die Frage, ob ich eine Fragen fragen darf. Freundlich, mit einer fast schon undeutschen, antipatriotischen Höflichkeit vorgetragen. Okay, im Nachhinein ärgere ich mich, keine »Excuse me. Are you busy?«, vorgeschoben zu haben. Das wäre noch einen Tick Herkunfts verneinender gewesen. Aber gut, es ging auch so.

Die Verkäuferin war nämlich glücklich, von mir angesprochen zu werden. Ist ja auch verständlich, ein junger, sympathischer Bursche, von einem exotischen – hey, ich komme aus Deutschland… das liegt, von Dänemark aus gesehen, tief im Süden – Hauch umweht. Da freut man sich. Und wenn man dadurch ein paar Minuten lang keine Bücher mehr einsortieren muss, dann erst recht.

»Yes, of course.«, so die freundliche Antwort. Wundervoll. Der erste Schritt war gemacht. Ich hatte mich tatsächlich getraut und eine Frau, um die 30 – also im besten Alter – angesprochen. Woody Allen hat recht. 80 Prozent des Erfolges besteht einfach aus »hingehen«.

»Great. Well, I just wanted to know what ›Verden‹ means.« Kann man das so sagen? Falle ich da nicht mit der Tür ins Haus? »I’m Sorry? Verden?«, die Antwort. Oha. Zum Glück fiel mir rechtzeitig mein Fehler auf. Na, lieber Leser, auch gemerkt? Richtig, ich hatte Verden deutsch ausgesprochen. Also ein zweiter Versuch.

»Oh, well, that word in the name of you store…« – »Ah, I see!« – »Because, well – I’m from Germany, and I happen to live in a town called ›Verden‹.«

So. Eine Lüge. Wobei… eigentlich ist es nur ein wenig geflunkert. Verden ist ja wirklich, wirklich, ganz ganz nah dran. Ich war schon öfter da. Und es vereinfachte die Sache doch ungemein. Ich habe wirklich kein schlechtes Gewissen.

»The name of our store means ›World of books‹.« – »Great, thanks, goodbye then!« Das ist ein Satz, über den ich ein wenig traurig bin. Die Verabschiedung hätte besser laufen können. Aber eigentlich ging’s ja ganz gut.